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Schau ich in den Spiegel, sehe ich meine Mutter?

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Die meisten nehmen sich in jungen Jahren vor, einmal ganz anders zu leben als ihre Eltern. Doch offenbar scheint sich dies im Laufe der Jahre zu relativieren.

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Hätte man mir diese Frage in meiner Jugend gestellt, wäre die Antwort eindeutig gewesen: ganz sicher nicht! Auch wenn ich mich mit meiner Mutter gut verstand, wollte ich nie so leben wie sie.

Dabei war meine Mutter kein Heimchen am Herd, sondern eine fortschrittliche Geschäftsfrau, die mit beiden Beinen im Berufsleben stand. Aber ihr gesamtes Leben spielte sich nur am Hofkamp in einem Umkreis von nicht einmal 50 Metern ab. Und bis auf ein paar kurze Urlaube kam sie nie aus Cloppenburg heraus.

Nein, das war für mich keine Lebensperspektive. Ich hatte Sehnsucht nach der „großen, weiten Welt“. Ich wollte raus aus Cloppenburg und die kleinstädtische Beschaulichkeit, die ganze gefühlte Spießbürgerlichkeit und alles vermeintlich Kleinkarierte hinter mir lassen.

Das Studium in Bremen bot eine Chance

Die Chance, in die große weite Welt hineinzuschnuppern, kam dann mit dem Studium in Bremen. Ein tolles Gefühl, frei zu sein und ohne die gewohnten Konventionen zu leben. Da fiel es auch nicht weiter auf, als ich mit einer Kommilitonin in das Künstlerdorf Worpswede gezogen bin. Für mich war klar: auf keinen Fall zurück nach Cloppenburg, wenn doch die „große, weite Welt“ auf mich wartet!

Beruflich bin ich dann doch wieder im beschaulichen Oldenburger Münsterland gelandet. Irgendwann wurde ich auf der Straße von einer mir unbekannten Person mit meinem Namen angesprochen. Aus war es mit der Anonymität der Großstadt. Als ich dann auch noch zu hören bekam, „Sie sehen ja aus wie Ihre Mutter“, war ich total geplättet.

Ich sollte so aussehen wie meine Mutter? Das war einfach zu viel. Also in den Spiegel geschaut. Da sah ich zwar nicht meine Mutter, aber ein bisschen von ihr schon. Den Satz bekam ich dann noch öfter zu hören. Irgendwann habe ich angefangen, ihn als Kompliment zu betrachten.

"Ein Leben frei von Konventionen kann auch ganz schnell in Einsamkeit enden."Elisabeth Schlömer

Ja, eine gewisse biologische Ähnlichkeit und die Herzlichkeit meiner Mutter habe ich schon. Und ich bin stolz darauf. Auch meine Einstellung, unter keinen Umständen so zu leben wie meine Mutter, hat die Lebenserfahrung weggeschliffen. Nach und nach habe ich gelernt, dass ein Leben frei von Konventionen auch ganz schnell in Einsamkeit enden kann.

Das im Vergleich zur Großstadt eher beschauliche Leben im Oldenburger Münsterland hat trotz des gepflegten Vorurteils der geistigen Enge, der beklagten Gesellschafts- und Umweltprobleme und des beschränkten kulturellen Angebots auch seine Vorteile. Die größtenteils noch funktionierende Nachbarschaft, die Einbindung in Vereine und etablierte kleinstädtische Strukturen schafft auch ein Gefühl des Miteinanders, der Geborgenheit und von Heimat.

Daher bin ich heute froh darüber, dass mich mein Lebensweg mit Ausnahme von einigen Fernreisen nicht in die „große, weite Welt“ geführt hat. Wenn ich heute den Spiegel schaue, sehe ich immer mehr von meiner Mutter. Und ich bin froh, dass es so ist. Wollen Sie vielleicht auch mal in den Spiegel schauen?


Zur Person:

  • Elisabeth Schlömer wohnt in Cloppenburg.
  • Sie war Leiterin des Ludgerus-Werkes Lohne bis zu ihrem Ruhestand 2019. Momentan ist sie ehrenamtlich tätig bei den „Machern – zu jung um alt zu sein“ und beim SKF Cloppenburg.
  • Die Autorin erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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