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Reparieren oder neu bauen?

Kolumne: Auf ein Wort – Was macht man, wenn aus einem Schiff ein Wrack geworden ist? Reparieren und aufhübschen oder neu bauen? In diesem Fall geht es um das Kirchenschiff "Deutschland".

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Petrus und der himmlische Vater schauen auf die Weltmeere. "Was macht mein Kirchenschiff 'Deutschland'?", fragt Gott. Petrus kratzt sich verlegen die Barthaare. "Herr, dieses riesengroße Schiff ist in die Jahre gekommen. Es hat stark Rost angesetzt, die Maschine fällt dauernd aus, die Mannschaft wird immer kleiner, es fehlt an Nachwuchs, dessen ungeachtet sind die Aufgaben gleich groß bleiben. So viele Menschen haben auf diesem Ozeanriesen das Heil für ihre Seele gefunden, die letzten Jahrzehnte aber waren grauenhaft. In jedem Hafen, den das Schiff anlief, stiegen Leute in Scharen aus und kamen nicht zurück an Bord. Das Kirchenschiff "Deutschland' mutiert allmählich zum Geisterschiff."

"Warum?", fragt der Allmächtige. "Ach, weißt du, wenn die Antwort so einfach wäre. Die Gründe sind vielschichtig ..." "Petrus, jetzt fang nicht an, um den heißen Brei herumzureden. Mich brauchst du nicht zu schonen, ich bin es gewohnt, an diesem Globus zu leiden." "Also, wenn du mich so fragst, ich denke, der Kahn ist ein Wrack. Hier und da frische und leuchtende Farben auftragen, das reicht nicht, den Rost, der darunter ist, zu beseitigen."

"So schlimm?" "Ja! Noch ist die Mannschaft ehrgeizig. Sie will das Kirchenschiff nicht aufgeben. Wer so ein großes Schiff steuert, hat Macht, hat Einfluss, davon wollen sie nicht lassen." "Aber ich sehe Hunderttausende, denen es nicht um Macht und Einfluss geht. Sie wollen mir die Ehre geben, indem sie sich engagieren, mir ihre Kraft schenken, ihre Kreativität, ihre Liebe. Ich sehe die vielen gefalteten Hände."

"Das ist ja das Dilemma. Die Ehrenamtlichen geben alles, der größte Teil der Mannschaft ist wirklich bemüht, Herr. Naja, auf der Brücke allerdings gibt's reichlich Positionskämpfe. Nützt alles nichts, der Kahn bricht bald auseinander."

"Wieder einmal werde ich lernen müssen, dass es nicht nur um mich und meine Befindlichkeit geht, sondern um Größeres."Jörg Schlüter

"Und nun?", fragt Gott, "reparieren oder neues Schiff?" Petrus verschluckt sich und hustet. "Das Kirchenschiff ist nicht mehr zu retten. Keine Werft der Welt kann es wieder richten." "Also neu bauen?" Petrus nickt. "Ja, ich würde neu bauen. Ein kleines, bescheidenes Schiff. Keine Machtspiele mehr, kein Gieren nach Einfluss, einfach deine treuen Dienerinnen und Diener sein, die Ehrenamtlichen gemeinsam mit der Mannschaft."

Gott atmet tief durch. "Gut, dann mag der große Kahn untergehen, der Glaube wird bleiben! Sag das meinen Getreuen auf dem Kirchenschiff. Sie sollen sich auf andere Zeiten einstellen, weniger Größe, kleineres Schiff. Wendig, offen und neugierig auf andere Fahrwasser."

Und ich? Ich habe in diesem großen, ziemlich durchgerostete Dampfer eine recht komfortable Ruhestandskabine. Gefällt mir, möchte ich eigentlich nicht missen. Wieder einmal werde ich lernen müssen, dass es nicht nur um mich und meine Befindlichkeit geht, sondern um Größeres: Um Gott und sein neues Kirchenschiff. Allerdings, Lernen ist ein mühsames Geschäft.


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher.
  • Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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