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Relikte

Meine Woche: Der Grat zwischen Archivar in eigener Sache und Messie ist ein schmaler. Was also tun mit dem biografischen Ballast?

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Haben Sie schon einmal im Leben aufgeräumt? Also, so richtig? Ich meine damit nicht, Chipskrümel aus der Sofaritze zu pulen und die Wohnung in einen Zustand zu versetzen, der den geneigten Besucher nicht auf dem Absatz kehrtmachen lässt.

Es geht darum, die Relikte des bisherigen Lebens zu ordnen und auf ihre Erhaltenswürdigkeit zu prüfen. Mein biografischer Ballast füllt etwa 10 Kartons: Lose-Blatt-Sammlungen mit 1. künstlerischen Gehversuchen im zarten Kleinkindalter, Bücher, Fotoalben, Stofftiere, erheiternde, verstörende bis kryptische Unterlagen von der Grundschule bis zum Studium und vieles mehr.

Macht mich ein Gegenstand glücklich?

Nachdem meine Eltern sich häuslich verkleinert haben, sind die Kartons bei mir eingezogen. Nur, wohin mit dem ganzen Kram? Der Grat zwischen Archivar in eigener Sache und Messie ist ein schmaler. Die Marie-Kondo-Methodik versagt in diesem Fall jedenfalls völlig. Die Aufräum-Päpstin empfiehlt, sich bei jedem Gegenstand zu fragen, ob er einen glücklich macht. Natürlich macht mich längst nicht jeder Gegenstand glücklich, aber unglücklich stimmt mich auch keiner.

Weitere Fragen drängen sich auf: Hat dieses oder jenes Buch nicht mal 30 Euro gekostet… Das wären ja 60 Mark! (Ja, als Kind der 90er-Jahre rechne ich noch um). Was also tun? Wäre ich Staatsmann oder Nobelpreisträger, könnte ich den ganzen Kram bestimmt einem Archiv oder Museum vererben.

Beim Durchblättern eines Fotoalbums von anno dazumal kommt mir ein anderer Gedanke: Ich denke an diejenigen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, die kürzlich alles verloren haben. Dinge von unschätzbarem, weil ideellem Wert. Weggeschwemmt, vom Schlamm zerstört. Wertvolle Erinnerungsstücke sind unwiederbringlich verloren gegangen. Die wird keine Versicherung ersetzen können. Und auf einmal sehe ich meine Kartons nicht mehr als Ballast, sondern bin froh, dass es sie gibt. Marie Kondo kann warten.

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