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"Redezeit" beleuchtet Kampf gegen den Branntweingenuss

Der Mäßigkeitsverein erlebte zwischen 1842 und 1846 seine Blütezeit. Sogar "Missionar" Johann Matthias Seling hielt Vorträge.

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Begnadeter Redner: Johann Matthias Seling besuchte Damme 1844. Foto: Stadtmuseum

Begnadeter Redner: Johann Matthias Seling besuchte Damme 1844. Foto: Stadtmuseum

Es gibt in der Geschichte von Kommunen Vereine, die längst im Dunkel der Historie abgetaucht sind. Ein solcher ist der am 29. August 1842 gegründete „Dammer Mäßigkeitsverein“, der sich den Kampf gegen den Branntweingenuss auf seine Fahnen geschrieben hatte und in jenen Jahren eine kurze, aber offenbar intensive Blütezeit erlebte.

Das ging aus dem Vortrag des ehemaligen Vorsitzenden des Heimat- und Verschönerungsvereins „Oldenburgische Schweiz“, Dr. Jürgen Kessel, im Rahmen der Reihe „Redezeit“ in der Scheune Leiber hervor. Der Verein war zur Zeit einer seinerzeit vor allem in Norddeutschland durchaus stark ausgeprägten Mäßigkeitsbewegung entstanden.

37 Protokolle mit mehr als 1000 Namen entdeckt

Wahrscheinlich wäre der Verein auch weiterhin höchst unbeachtet geblieben, wäre Dr. Kessel nicht vor Jahren bei der Sichtung von Unterlagen der katholischen Pfarrgemeinde St. Viktor auf das 114 Seiten umfassende Protokollbuch des Dammer Mäßigkeitsvereins gestoßen. 37 Protokolle zählte der Redner, über 1000 Namen waren verzeichnet. In der Anfangszeit zählte der Verein kurzfristig bis zu fast 2000 Mitglieder. Selbst die Schützen, sagte Dr. Kessel, hätten sich seinerzeit der Mäßigkeit verschrieben.

Die Statuten des Mäßigkeitsvereins umfassten bei seiner Gründung 14 Artikel, die sich im Laufe der Zeit aber änderten. Wer beitreten wollte, musste dem Branntweingenuss abschwören, durfte aber in gewissen Maßen, mäßig eben, Bier und Wein trinken. Denn eine vollständige Abstinenz, wie sie etwa andere Vereine in Norddeutschland einforderten, sei in Damme nicht durchsetzbar gewesen. Klar sei aber gewesen, sagte Dr. Kessel: „Ortsbekannte Trunkenbolde wurden nicht aufgenommen.“ Dagegen durften Gastwirte, die auch Branntwein ausschenkten, durchaus beitreten.

Bürger melden, die Branntwein getrunken haben

Der ausschließlich aus führenden Bürgern im Amt Damme wie dem Pfarrer, Amtmann und Lehrer bestehende Vorstand des Mäßigkeitsvereins hatte das Recht, neue Mitglieder aufzunehmen und solche, die gegen die Auflagen verstießen, auszuschließen. Bei der Ahndung von Verstößen setzte der Vorstand auch auf die Mithilfe der Mitglieder. Sie sollten jene melden, die Branntwein getrunken hatten. „Der Vorstand musste viel Zeit dafür aufwenden, die Denunziationen abzuarbeiten“, sagte Dr. Kessel.

Zu den weiteren Aufgaben der zunächst 5, nach 1,5 Jahren aber bereits 17 Vorstandsmitglieder gehörte es auch, Schriften zu besorgen, die sich mit den Folgen eines übermäßigen Alkoholgenusses befassten, darunter Berichte von Ärzten.

23 Brennereien im Amt Damme

Zu jener Zeit gab es im Amt Damme nach Worten Dr. Kessels 23 Brennereien. Der durchschnittliche Alkoholkonsum habe damals pro Kopf niedriger gelegen als heute. Probleme hätten damals in Damme Missernten ebenso wie Kriegsfolgen aber auch die Vorboten der industriellen Revolution ausgelöst. Dass die auch dadurch damals begünstigte sogenannte „Brandweinseuche“ bekämpft werden müsse, darin waren sich die katholische und die evangelische Kirche einig.

So unterstützte auch die Pfarrgemeinde St. Viktor den Mäßigkeitsverein und stellte Vorstandsmitglieder. Nach der Reaktivierung des Vereins 1851, der 1848 seine Arbeit offenbar fast eingestellt hatte, übernahm die Kirchengemeinde sogar komplett das Ruder. Es ist unbekannt, ab wann die Vereinsaktivität danach endgültig ruhte.

Mäßigkeitsapostel Johann Matthias Seling zu Gast

Für einen großen Mitgliederaufschwung im Mäßigkeitsverein Damme sorgte in der 2. Februarhälfte 1844 Johann Matthias Seling, ein katholischer Geistlicher aus Osnabrück, als er sich mehrere Tage in der Gemeinde aufhielt. Er galt als der Mäßigkeitsapostel und reiste durch die Lande, um die Menschen von der Branntweinabstinenz zu überzeugen. Er habe das auch in Damme mit großem Erfolg getan. Er habe Vorträge gehalten und anschließend selber die neuen Mitglieder aufgenommen, sagte Dr. Kessel. „Er wusste um die Wirkung von Worten.“ Der Beleg: 1844 verzeichnete der Verein nach dem Seling-Besuch 568 Männer, 594 Frauen und 704 Kinder auf seinen Mitgliederlisten, 33,9 Prozent der Bevölkerung.

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