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Reden wir über Anstand

Kolumne: Batke dichtet – Was ist das eigentlich, Anstand? Auf jeden Fall hat er mit Wertschätzung und Respekt zu tun.

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Manchmal sind es kleine Alltagsszenen, die uns in größeren Zusammenhängen denken lassen. Die Begebenheit: Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, von Mühlen Richtung Steinfeld. Kurz vor der Kreuzung, wo sich Landstraße und Bundesstraße 214 treffen, sah ich vor mir auf dem Radweg einen Vater mit Kinderwagen. Ich betätigte die Klingel, raunte dem Herrn während des Vorbeifahrens ein „Danke“ zu und musste etwa 50 Meter weiter an der Ampel halten– die Ampel mit der wohl längsten Wartezeit für Radler und Fußgänger in ganz Mitteleuropa. Aber das nur am Rande.

Besagter Vater hatte keine Mühe, mich einzuholen, da die Ampel wohl nur die Farbe Rot kennt. Es kam zu einem kleinen Plausch, ich erfuhr, dass der Herr mit seinem Sohn auf dem Weg zur Kita war, um die Tochter respektive die Schwester abzuholen, und bevor nach gefühlt 5 Minuten das grüne Männchen aufploppte, sagte mein Gesprächspartner noch: „Danke übrigens, dass Sie eben geklingelt haben, das machen nur noch die wenigsten. Man bekommt häufig einen Schreck, denn die meisten rauschen einfach vorbei. Sehr anständig von Ihnen.“

„Tatsächlich wird in Deutschland weniger über Anstand als vielmehr über Unanständiges berichtet.“Alfons Batke

Ich wusste in dem Moment gar nicht, was ich mit diesem Kompliment aus einer einfachen Zufallsbegegnung heraus anfangen sollte, womöglich errötete ich im Weiterfahren leicht. Merkwürdig, dass eine Selbstverständlichkeit (Klingeln, Bedanken) schon als außergewöhnlich betrachtet und gar mit „Anstand“ in Zusammenhang gebracht wird. Und was ist das eigentlich – Anstand? Auf jeden Fall hat es mit Wertschätzung und Respekt zu tun. Ich schlage nach: Der Begriff wird als „selbstverständlich empfundener Maßstab für ethisch-moralischen Anspruch“ definiert, mithin als Erwartung an gutes und richtiges Verhalten.

Anstand mag aus der Mode gekommen sein, für viele ist es ein antiquierter Begriff. Und tatsächlich wird in den Medien der Erregungsrepublik Deutschland weniger über Anstand als vielmehr über Unanständiges berichtet. Die Maßstäbe haben sich verschoben, eindeutig auch befeuert durch den Missbrauch der Digitalisierung in Zusammenhang mit den sogenannten sozialen Medien, in denen der Anstand oft mit Füßen getreten wird und im Schatten der Anonymität desinformiert, verunglimpft und Hass gesät wird.

Anstand zu fordern ist das eine, anständig zu sein das andere. Wenn ich das Wort Anstand höre, muss ich immer auch an Altkanzler Schröder denken. Er forderte im Oktober 2000 nach dem nächtlichen Brandanschlag auf eine Synagoge in Düsseldorf: „Wir brauchen einen Aufstand der Anständigen. Wegschauen ist nicht mehr erlaubt.“ Wir wissen, dass vermehrt weggeschaut wird und seither der Antisemitismus in Deutschland zugenommen hat. Und Anstand und Schröder – das passt so wenig zusammen wie Putin und der Friedensnobelpreis.


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 66-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an redaktion@om-medien.de.

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