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Rassismus, nein Danke!

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Die Skepsis gegenüber dem Fremden gehört wohl zu unseren angeborenen Reflexen. Aber wir können diese Reflexe "zähmen“ – mit Vernunft und Vertrauen.

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"Meine Schwester hatte eine Negerpuppe." Mit diesem Satz habe ich mich für manche der heutigen Inquisitor*innen schon doppelt als Rassist entlarvt. Ich habe das verbotene N-Wort gebraucht und wurde zudem offensichtlich schon in meiner Kindheit rassistisch verseucht. Aber meine Schwester liebte dieses Püppchen ganz besonders, und für uns Kinder war völlig klar, dass ein Menschenkind mit dunkler Hautfarbe nicht weniger liebenswert ist als wir und – das war in meiner Kindheitsfamilie selbstverständlich – genauso ein Kind Gottes.

"Dass seit dem späten Mittelalter einer der drei Könige an der Krippe schwarz war, das war genau das Gegenteil von Rassismus. Alle Menschen, egal ob weiß, braun oder schwarz, sind gemeinsam unterwegs."Heinrich Dickerhoff

Wir Kinder kannten die Worte Würde und Respekt nicht, aber die Puppe meiner Schwester ließ uns das unmittelbar erleben. Auch den "Nickneger“ der großen Weihnachtskrippe in der Kirche betrachteten wir ohne jedes Überlegenheitsgefühl, sondern voll Mitleid mit den Kindern im fernen Afrika, denen es schlechter ging als uns. Und dass seit dem späten Mittelalter einer der drei Könige an der Krippe schwarz war, das war genau das Gegenteil von Rassismus. Alle Menschen, egal ob weiß, braun oder schwarz, sind gemeinsam unterwegs.

Wenn wir Negerküsse oder Mohrenköpfe aßen, so war das für uns so wenig mit Abwertung oder Abneigung verbunden wie der Verzehr von Amerikanern oder Wienern – Hamburger gab es damals noch nicht. Und der "schwarze Mann“, vor dem wir uns in dem beliebten Kinderspiel nicht fürchteten, aber wegliefen, war so wenig ein dunkelhäutiger Mensch wie die weißen Gespenster Hellhäutige.  Die erste "moderne“ Musik, die ich mit zwölf Jahren für mich entdeckte, war eine Langspielplatte mit "Negro Spirituals“, die ich immer wieder abspielte, fasziniert und begeistert von dieser Lebensenergie, diesem Rhythmus, diesem Mut, anzusingen gegen ein hartes Leben.

"Verstehen statt verurteilen wollen ist der einzige Weg zu echter Toleranz."Heinrich Dickerhoff

Sprache ändert sich. Martin Luther King benutzte 1963 in seiner berühmten "I have a dream“-Rede ganz selbstverständlich das Wort "Negro“: "The Negro still is not free.“ Dennoch würde ich heute farbige Menschen nicht mehr mit diesem Wort bezeichnen, so wie ich über keinen Menschen mit ihn kränkenden Zuordnungen sprechen möchte. Rassismus, die Ablehnung von Menschen, die erkennbar "anders“ sind, ist ein Übel – freilich nicht die einzige Form von Fremdenfeindlichkeit. "Anderes Aussehen“ ist weniger irritierend als "anderes Benehmen“.

Die Skepsis gegenüber dem Fremden gehört wohl zu unseren angeborenen Reflexen. Aber wir können diese Reflexe "zähmen“ mit Vernunft und Vertrauen. Wir brauchen gewiss keinen Rassismus. Aber wir brauchen auch keine Menschen, die ständig Rassismus aufspüren, die die Vergangenheit mit heutigen Maßstäben messen und entwerten und überall verkappte Rassisten wittern. Verstehen statt verurteilen wollen ist der einzige Weg zu echter Toleranz.


Zur Person:

  • Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent.
  • Er wohnt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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