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Prozess gegen mutmaßliche Lohner IS-Terroristin vor dem Ende

Hat eine junge Frau aus Lohne im Irak tatenlos dabei zugesehen, wie ein kleines, jesidisches Mädchen verdurstete? Nach mehr als 2 Jahren geht der Terrorprozess gegen sie nun auf die Zielgerade.

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Die Angeklagte Jennifer W.: Der Frau wird unter anderem vorgeworfen, ein 5 Jahre altes Mädchen als Sklavin gehalten und verdursten lassen zu haben. Foto: dpa/Kneffel

Die Angeklagte Jennifer W.: Der Frau wird unter anderem vorgeworfen, ein 5 Jahre altes Mädchen als Sklavin gehalten und verdursten lassen zu haben. Foto: dpa/Kneffel

Es ist ein Mammutverfahren geworden: Rund zweieinhalb Jahre nach Prozessbeginn geht das Verfahren gegen die IS-Rückkehrerin und Terrorverdächtige Jennifer W. auf die Zielgerade. Das Oberlandesgericht wird entscheiden müssen, ob die junge Frau aus Lohne in Niedersachsen wegen Mordes durch Unterlassen, Mitgliedschaft in einer Terrororganisation und Kriegsverbrechen verurteilt wird. Für Montag (13. September, 9.30 Uhr) erwartet das Gericht das Plädoyer der Bundesanwaltschaft – wenn keine Anträge der Verteidigung mehr dazwischen kommen.

Fast zwei Jahre hatte Jennifer W. geschwiegen, im März dieses Jahres äußere sie sich dann erstmals zu den grausigen Vorwürfen: Die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung räumte sie ein. Und auch zu dem furchtbaren Verdacht, sie habe dabei zugesehen, wie ein kleines, jesidisches Mädchen ungeschützt in praller Sonne verdurstete, nahm sie in einer persönlichen Erklärung Stellung.

Laut Anklage war die 5-Jährige krank und hatte ins Bett gemacht

Temperaturen von 45 Grad sollen im irakischen Falludscha geherrscht haben, als die kleine Rania starb. Angekettet in der prallen Sonne, ohne Wasser der sengenden Hitze ausgesetzt, so der grauenvolle Vorwurf der Anklage, verdurstete das erst 5 Jahre alte Kind.

Das kleine Mädchen gehörte der vom Islamischen Staat (IS) systematisch verfolgten Religionsgemeinschaft der Jesiden an. Das Kind soll aus einer Gruppe jesidischer Kriegsgefangener gekauft und als Sklavin gehalten worden sein. Laut Anklage war die 5-Jährige krank und hatte ins Bett gemacht. In der Sonne angekettet zu werden, war die Strafe dafür.

Ein hellblaues Kleid habe ihre Tochter angehabt, schilderte ihre Mutter Nora T. vor Gericht. Barfuß sei sie gewesen. "Mama" habe sie noch gerufen – und dann nichts mehr. Als sie um ihr Kind weinte, habe Jennifer W. ihr eine Pistole an den Kopf gehalten. "Wenn Du nicht aufhörst, werde ich Dich umbringen", soll sie gesagt haben. Aber sie habe die ganze Zeit geweint. Sie habe mit eigenen Augen gesehen, wie ihre Tochter umgebracht wurde. "Und dann soll ich nicht weinen?", sagte Nora T. "Dass das Herz von einer Mutter verbrannt wird – ist das nicht schwer?"

Mutter des Kindes war die wichtigste Zeugin im Prozess

Nora T. war die wichtigste Zeugin in dem Prozess gegen die IS-Rückkehrerin. Doch ihre Vernehmung gestaltete sich schwierig, langwierig und immer wieder sehr widersprüchlich. Die beiden Verteidiger betonten damals immer wieder, es sei ja gar nicht bewiesen, dass Nora T. wirklich die Mutter eines toten Mädchens war und dass sie tatsächlich bei Jennifer W. und ihrem IS-Ehemann lebte.

Jennifer W. selbst war es, die diese Zweifel ausräumte und vor Gericht schließlich zugab, die Frau zu kennen und dabei gewesen zu sein, als das kleine Mädchen starb. Sie schilderte den Vorfall aber anders: Zwar habe Rania an dem Tag ins Bett gemacht, ihr Mann habe sie aber ausgesperrt, weil sie sich nicht daran gehalten habe, im Hof zu bleiben, bis sie ihre Sachen gewaschen habe. Das Kind habe lernen sollen "zu hören". Als sie dennoch immer wieder an die Tür kam, habe er sie daher gefesselt. "Ihre Hände waren vorne an den Handgelenken zusammengebunden", sagte die Angeklagte. "Ich wollte ihr natürlich auf der Stelle helfen, wusste aber nicht, wie."

Erst als die Kleine zusammensackte, sei ihr Mann, der wegen dieser mutmaßlichen Tat in Frankfurt vor Gericht gestellt wurde, zu ihr gelaufen und habe sie losgebunden. Weil sie leblos blieb, sei er mit ihr aus dem Haus gelaufen und zu einem Krankenhaus gefahren. "Ich war geschockt", hieß es in der Erklärung der Angeklagten. Sie habe geweint und nicht schlafen können.

"Jeder Überlebende, mit dem ich gesprochen habe, wartet auf ein und dieselbe Sache: Dass die Täter für ihre Taten gegen die Jesiden, insbesondere gegen Frauen und Kinder, verfolgt und vor Gericht gestellt werden."Nadia Murad, Friedensnobelpreisträgerin und Jesidin

Der Prozess gegen Jennifer W. hatte im April 2019 Schlagzeilen gemacht, auch weil eine äußerst prominente Anwältin anfangs eine zentrale Rolle spielt: die Menschenrechtsexpertin und Ehefrau des Schauspielers George Clooney, Amal Clooney, die die Nebenklägerin und Mutter des getöteten Mädchens vertritt, vor Gericht in München aber nie erschien. Vor dem Prozess ließ sie in einer gemeinsamen Erklärung der Nebenklage und der jesidischen Organisation Yazda verlauten: "Jesidische Opfer warten schon viel zu lange auf ihre Gelegenheit, vor Gericht auszusagen."

Nach Yazda-Angaben war der Münchner Prozess seinerzeit die weltweit erste Anklage wegen Straftaten von IS-Mitgliedern gegen die religiöse Minderheit der Jesiden. Die Jesidin und Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad nannte den Prozess einen großen Moment und ein wichtiges Verfahren für alle jesidischen Überlebenden. "Jeder Überlebende, mit dem ich gesprochen habe, wartet auf ein und dieselbe Sache: Dass die Täter für ihre Taten gegen die Jesiden, insbesondere gegen Frauen und Kinder, verfolgt und vor Gericht gestellt werden."

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