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Profi aus Vechta gibt Einblicke wie humanitäre Ukraine-Hilfe funktioniert

Michael Daemen beschafft für "Malteser International" dringend benötigte Hilfsgüter und organisiert die Lieferungen. An der Uni Vechta referierte er über seine Arbeit, nannte aktuelle Zahlen.

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Lieferung für die Ukraine: Malteser verladen Hilfsgüter in einen LKW, der medizinisches Material transportiert. Foto: dpa/Tittel

Lieferung für die Ukraine: Malteser verladen Hilfsgüter in einen LKW, der medizinisches Material transportiert. Foto: dpa/Tittel

Sie bringen Medizin und Verbandszeug für Menschen in Orte, die unter Beschuss stehen. Und sie betreuen Zeltlager fern der Kämpfe für Schutzsuchende. Not lindern, Leid mindern – dafür sorgen in der Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskriegs Hilfsorganisationen aus aller Welt.

Wie ihre Arbeit genau funktioniert, unter welchen Bedingungen dies geschieht und welch zentrale Rolle Spenden für die Beschaffung von notwendigen Hilfsgütern haben, das war am Dienstagabend das Thema einer Diskussionsveranstaltung an der Universität Vechta. Eingeladen hatte Professor Dr. Gerald Eisenkopf, der im Fach „Management Sozialer Dienstleistungen“ forscht und lehrt.

Sowohl in seiner akademischen Disziplin als auch bei der humanitären Hilfe gehe es darum, knappe Ressourcen für viele Hilfsbedürftige einzusetzen, erklärte Eisenkopf. Es seien per Abwägung ökonomische Probleme zu bewältigen, wie Ziele jenseits der Wirtschaftlichkeit am besten erreicht werden können.

Entscheidungen unter Zeit- und Sachzwängen

Weitere Gemeinsamkeiten sind laut Eisenkopf unter anderem diese: Entscheidungen werden unter Zeit- und Sachzwängen getroffen. Für alle Beteiligten ist die psychische Belastung enorm. Außerdem: Die Erwartungen sind hoch gesteckt. Die Hilfe soll unparteiisch, neutral, unabhängig und nachhaltig sein.

Einblicke in den organisatorischen Alltag einer professionellen Hilfsorganisation gab Michael Daemen aus Goldenstedt. Er ist im Kölner Hauptquartier von „Malteser International“ federführend verantwortlich für die Logistik der Ukraine-Hilfe. Daemen stimmt sich mit anderen Hilfsorganisationen sowie mit Vertretern der UNO und der EU ab, welche benötigten Hilfsgüter wann, wo, wie besorgt und geliefert werden. Er schließt Verträge mit Transportfirmen ab, ist Ansprechpartner für große Unternehmen, die spenden wollen.

Netzwerke sind Voraussetzung für Logistik

Ohne ein Netzwerk gehe es nicht, erklärte Daemen den Zuhörern. Und: Von Vorteil sei für ihn, dass er zuvor schon über gute Kontakte verfügte. Daemen ist Auslandsreferent der Malteser im Offizialatsbezirk Oldenburg des katholischen Bistums Münster, hat sein Büro normalerweise am Lattweg in Vechta, ist vor allem für Belarus zuständig.

Als „Malteser International“ gleich zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine einen Logistik-Experten für die Ukraine-Hilfe suchte, meldete Daemen sich - wurde mit seiner Kompetenz und Kenntnis Osteuropas zur zentralen Person in der aktuellen Ukraine-Hilfe. Zunächst bis Ende August ist er dafür von den regionalen Maltesern freigestellt.

Nun pendelt der 66-Jährige Ex-Berufssoldat zwischen Goldenstedt, Vechta und Köln. 1 bis 2 Tage pro Woche sei er in der Domstadt, ansonsten arbeitete er im Homeoffice oder per Videokonferenz-Schaltung von Vechta aus. Sieben Tage die Woche ist Daemen im Einsatz, oft weit über die normalen Bürozeiten hinaus. Es geht schließlich um Hilfe für Menschen in Not – in umfassender Weise.

Gemeinsame Veranstaltung: (von links) Professor Dr. Gerald Eisenkopf und Michael Daemen von den Maltesern. Foto: TzimurtasGemeinsame Veranstaltung: (von links) Professor Dr. Gerald Eisenkopf und Michael Daemen von den Maltesern. Foto: Tzimurtas

„Alles, was wir weltweit organisieren, läuft über meinen Tisch“, sagte Daemen. Er stellte die aktuelle Bilanz des Einsatzes von „Malteser International“ seit Beginn des Krieges am 24. Februar bis zum 10. Mai vor: 90 Sattelschlepper erreichten die Ukraine, davon 44 mit Lebensmitteln und 8 mit medizinischen Hilfsmitteln. Die 38 weiteren Lkws lieferten Feldbetten, Decken und andere Hilfsgüter.

Ein Lkw mit medizinischem Material transportiere Werte, die um die 50.000 Euro liegen, berichtete Daemen. Er habe erst am Dienstagmorgen einen Vertrag mit einem Pharmaunternehmen geschlossen, um regelmäßig alle 14 Tage einen 40-Tonner-Lkw mit Medikamenten und Verbandszeug in die Ukraine schicken zu können.

46 Orte in der Ukraine wurden beliefert

Das Volumen der gesamten Hilfsgüter beläuft sich bislang auf 848 Tonnen. Lieferungen würden in den Städten Lwiw (ehemals Lemberg) und Iwano-Frankiwsk im Westen ankommen, von dort in 46 Orte oder in Krankenhäuser gebracht – durch die Malteser in der Ukraine. Das seien die Zahlen, die in der vergangenen Woche ans Auswärtige Amt, an die Aktion „Deutschland hilft“ und die Europäische Zentralbank gemeldet wurden, den „größeren Geldgebern“ für den humanitären Ukraine-Einsatz.

„Man muss den Bedarf ermitteln, dann bekommen wir Listen, was aktuell gebraucht wird und versuchen, es zu liefern“, sagte Daemen über die Vorgehensweise. Hier sei ein Unterschied zu den kleineren privaten Initiativen.

Letztere würden erst einmal Hilfsgüter und Spenden sammeln, einen Transport auf den Weg bringen, wenn genug zusammengekommen ist. Eine professionelle Organisation hingegen erhalte eine konkrete Anforderung, die zu erfüllen sei, vergleichbar mit einem Auftrag für ein Unternehmen. Wenn 1000 Betten benötigt werden, würden sie geliefert, erklärte Daemen.

Insgesamt 236.275 Mahlzeiten wurden ausgeliefert

Wo weitere Unterschiede zwischen der Hilfe kleinerer Vereine und großer Organisationen bestehen und wie sie sich auch ergänzen, sollte eigentlich Teil der Veranstaltung sein. Dafür war Dominik Wilming, der erste Vorsitzende des Vereins „Vechta cares“ eingeladen, um die  Arbeit der Initiative vorzustellen. Doch Wilming war verhindert.

So war Daemen der einzige Referent. Er nannte weitere Zahlen: Auch 2 Logistik-Zentren seien von Malteser International in der Ukraine aufgebaut worden. Ebenso 211 Notunterkünfte zur Versorgung jener Menschen, die sich in Richtung Grenze aufgemacht haben. 411 Ehrenamtliche seien in der Ukraine im Einsatz (die aber nicht aus Deutschland stammen). Insgesamt 236.275 Mahlzeiten seien ausgegeben worden – so der Stand der vorvergangenen Woche. Mehr als 10.000 Personen seien in erster Hilfe ausgebildet worden. Das sei im Krieg „immer wichtig“.

In der Ukraine gibt es kein Benzin mehr - die UNO hilft

Psychologische Unterstützung werde in 11 Einrichtungen geboten. Letztere Art der Hilfe gebe es bereits seit 2015, als die Kämpfe im Donbass begannen. Das Personal sei aber von dort abgezogen worden und befinde sich nun im Großraum von Lwiw.

Zu den besonderen Herausforderungen zähle, dass es in der Ukraine derzeit „kein Benzin mehr gibt“. So sei auch der Treibstoff für die Transporte innerhalb des Landes zu organisieren, berichtete Daemen. Die Belieferung laufe über die UNO.

„Wir sind nicht allein“, erklärte Daemen und kam wieder auf das Netzwerk zu sprechen, das die Voraussetzung für die Hilfseinsätze sei. Zum Beispiel auch, wenn verletzte Ukrainer ins benachbarte Polen gebracht und innerhalb der EU verteilt werden. Hier sei auch die Bundeswehr mit dabei. Ein Team von 10 Personen versuche, „große Probleme zu lösen“.

Es gelten 12 Grundregeln für humanitäre Hilfe

Und fest steht: Militärische Einrichtungen dürfen bei Hilfseinsätzen nicht unterstützt werden. Und: In eindeutig von der russischen Armee kontrollierte Gebiete werden von den Maltesern keine Hilfslieferungen gebracht, wie Daemen auf Nachfrage von OM-Online sagte.

Er verwies auch auf 12 Grundregeln, auf die sich der Koordinierungsausschuss Humanitäre Hilfe (darin sind Hilfsorganisationen und Bundesministerien vertreten) verständigt hat.

In Transportern wurden schon GPS-Tracker entdeckt

Auch hiervon berichtete Daemen: Bei Lebensmitteltransporten seien bereits sogenannte GPS-Tracker entdeckt worden, mit denen Wege nachverfolgt werden können. Es bestehe die Gefahr, dass so die Routen für Hilfslieferungen bekannt werden – und mit Bomben zerstört werden, sagte Daemen.

Zum Geld: In Deutschland sei viel an Spenden für die Ukraine-Hilfe gesammelt worden. Allein über die Aktion „Deutschland hilft“ seien etwa 240 Millionen Euro zusammengekommen, die auf alle Hilfsorganisationen prozentual aufgeteilt würden. Auch Unternehmen würden spenden. Die Spendenbereitschaft sei noch hoch, gehe aber zurück. Ein Problem könne es geben, wenn nach dem Krieg der Wiederaufbau beginne.

Daemen stellte auch dies heraus: Es seien zwar mit gutem Willen private Hilfslieferungen in Richtung Ukraine gestartet worden, etwa mit Kleidern. Doch für die Sachen habe es dann keinen Bedarf gegeben. Und bei Lebensmittelpaketen, die privat organisiert wurden, sei zu bedenken, dass die Empfänger in der Regel nicht fähig sind, die deutsche Aufschrift auf den Packungen zu lesen. Er selbst sei deshalb gegen solche Transporte. Humanitäre Hilfe sei im Land selbst zu leisten.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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