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Probier's mal mit Höflichkeit

Kolumne: Batke dichtet – und findet höfliche Worte für das eher unhöfliche Verhalten von Zar Iwan, den wir als "Der Schreckliche" kennen.

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Es war der einzige der zurückliegenden Tage mit blauem Himmel und einigen Sonnenstunden. Warum also nicht an der Thülsfelder Talsperre einen entspannenden Deich-Spaziergang unternehmen? Nichts Spektakuläres an sich, so ein Gang mit Wasserblick, aber eine kurze Begegnung bleibt mir in Erinnerung. Ein uns entgegenkommendes Paar, das wir im Leben zuvor nie gesehen hatten, erwiderte unseren Gruß freundlich; der Herr lupfte gar kurz seine Kopfbedeckung. Eine Geste mit Seltenheitswert.

Reden wir also über Höflichkeit. Der Begriff ist mittelalterlich geprägt und leitet sich ab von Verhaltensweisen am Hofe, doch, so lehrt uns die Geschichte, war höfisches Verhalten nicht immer auch höflich.

Nehmen wir zum Beispiel den russischen Regenten Iwan IV. (1530 bis 1584), der einiges dafür tat, um seinem Beinamen „der Schreckliche“ gerecht zu werden. Der Herr galt als notorisch übellaunig, seinen Erstgeborenen und potenziellen Nachfolger soll er mit dem Eisenknauf des Herrscherstabes erschlagen haben. Und, so lesen wir, einige seiner insgesamt 7 Ehefrauen vertrugen die mitunter arsenhaltigen Speisen nicht so gut und starben den Gifttod. Höflichkeit ist was anderes.

Unsere Art Höflichkeit spiegelt sich oft in kleinen Gesten des Alltags wider. So wie das Hutlupfen besagten Wanderers. Oder in einem freundlichen Lächeln für die gestresste Kassiererin im Supermarkt. Oder glaubhaftes Interesse daran zu zeigen, wie es dem Mitmenschen geht.

"Keine 16-Jährige möchte mit ihrer Mutter verglichen werden, nicht mal Leni Klum."Alfons Batke

Höflichkeit ist ein Stück Kitt unserer Gesellschaft, eine von Respekt und Zuvorkommenheit geprägte Umgangsform. So sehr wir uns im Zuge der Pandemie nach unserem alten Leben zurücksehnen, so sehr sollten wir auf dem Weg dahin der Höflichkeit ihren gebührenden Platz einräumen.

Und dennoch gilt es auch in Sachen Höflichkeit das Maß zu wahren. Tragen Sie nicht zu dick auf. Hüten Sie sich davor zu sagen, wenn Sie eine Bekannte mit ihrer 16-jährigen Tochter begegnen: „Wo wollt ihr beiden Schwestern denn hin?“

Merke: Keine 16-Jährige möchte mit ihrer Mutter verglichen werden, nicht mal Leni Klum. Und die Ältere von beiden wird messerscharf erkennen, was Höflichkeit nicht sein soll: Schleimerei. Auch sollten wir vorsichtig in unserem Masken-Alltag sein. Der Ausspruch „Siehst gut aus, du solltest öfter FFP2 tragen“ könnte leicht missverstanden werden.

Setzen Sie Höflichkeit also dosiert ein und übertreiben Sie es nicht gleich. Wenn Sie etwa Post von einem Inkassobüro erhalten, wo zu lesen steht „Nachdem Sie zum wiederholten Male unserer berechtigten Forderung nach Begleichung der obigen Rechnung nicht nachgekommen sind, werden wir am Freitag unser geschultes Fachpersonal vorbeischicken, um die Angelegenheit zu regeln“ bereiten Sie besser nicht eine Kaffeetafel vor, sondern bestellen lieber die Polizei ein.

Probieren Sie es mit der besten Form der Höflichkeit – nicht mit der Etikette, sondern der „Herzenshöflichkeit“. Das macht das Leben leichter, auch in dieser Zeit, in der man häufiger aus der Haut fährt als sonst.

In diesem Sinne bedanke ich mich artig, wenn nicht sogar höflich für Ihr Interesse am Geschriebenen. Bleiben Sie gesund. Gehen Sie mal wieder spazieren. Und, so Sie einen tragen, lupfen Sie gelegentlich den Hut. Kommt gut an.


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine mehr als 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 65-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.

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