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Privates Fehlverhalten hält Inzidenzrate im Kreis Vechta hoch

Die strengen Corona-Regeln greifen nicht. Die Inzidenzrate im Kreis Vechta lag am Mittwoch unverändert hoch - obwohl sie längst hätte sinken müssen.

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Wohl noch lange nicht vorbei: Maskenpflicht auf der Großen Straße in Vechta. Foto: Meyer

Wohl noch lange nicht vorbei: Maskenpflicht auf der Großen Straße in Vechta. Foto: Meyer

Gesundheitsamtsleiterin Sandra Guhe und Landrat Herbert Winkel war anzusehen, dass sie keine guten Neuigkeiten verkünden würden. Am Mittwoch (18. November) hatte der Landkreis Vechta die in der Pandemiebekämpfung bislang zweithöchste Tagesinfektionsrate in seinem Verantwortungsbereich bekanntgegeben. 95 neu mit dem Covid-19-Virus infizierte Menschen hatte man registriert, 96 waren es vor 14 Tagen, am 5. November.

Damit haben sich, so Guhe, die  Hoffnungen zerschlagen, dass die von Bund, Land und Kreis angeordneten strengen Hygiene- und Verhaltensregeln greifen, die Inzidenzzahl im Kreis nachhaltig sinkt. Winkel: "Es müssten sich eigentlich Erfolge einstellen. Die sehen wir aber nicht." Man werde jetzt abwarten müssen, was die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten der Länder am kommenden Montag bei ihrem Corona-Treffen in Berlin an Maßnahmen beschließen. Eine "sinkende Inzidenzzahl hier im Kreis auf 50 oder gar 35 sehe ich aktuell nicht", erklärt Winkel. Am Mittwoch lag diese Zahl bei 248,6. Wolle man diese kurzfristig senken, "dann müssten wir hier den ganzen Laden dicht machen." Das wolle niemand.

Im Job oder der Schule werden die Regeln eingehalten

"Leider viele neue Fälle", habe man feststellen müssen, sagte Winkel. Aktuell ist das Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth-Haus in Lohne stark betroffen. Dort hatte das Gesundheitsamt in einem Zeitraum von mehreren Tagen bis zum Mittwoch über 50 Bewohner und Mitarbeiter positiv getestet. Das Heim hat 128 Bewohner, jeder dritte ist infiziert. Drei Todesfälle sind zu verzeichnen.

95 Infizierte an einem Tag im Kreis – gibt es eine Erklärung für die anhaltend hohe Zahl? Die Firmen sind es eher nicht, dort habe man ein hohes Eigeninteresse an der Beachtung von Hygiene- und Abstandsregeln, erklärt Winkel. "Wir stellen fest, dass die Infektionen aus fast allen gesellschaftlichen Bereichen gemeldet werden, aus Alten- und Pflegeheimen, Schulen oder Kitas. Dabei wird das Virus fast ausschließlich von außen in die Einrichtungen getragen."

"Jeder, der infiziert ist, wird noch am selben Tag benachrichtigt."Herbert Winkel, Landrat des Landkreises Vechta

"Wir hatten gehofft, dass sich unsere Maßnahmen auswirken würden", merkt Guhe enttäuscht an. Offensichtlich gebe es starke Unterschiede im Verhalten der Menschen im öffentlichen oder ihrem privaten Bereich. Arbeitsplatz oder Schulen seien "relativ infektionsarme" Orte. Es bleibe daher die "starke Vermutung", dass sich Menschen im privaten Bereich immer noch sorglos verhalten, Kontaktbeschränkungen nicht beachten und trotzdem gemeinsam feiern. Das bestätige oft auch die Kontaktverfolgung des Gesundheitsamtes, die "weitläufige Zusammenhänge innerhalb von Familien" erkennen lasse. Es sei traurig, so Guhe, dass "so wenig Akzeptanz für die Corona-Maßnahmen vorhanden ist". Und Winkel fügt hinzu: "Wir werden aber nicht nachlassen, öffentlich deutlich zu machen: Das Virus trifft nicht nur die Älteren mit Vehemenz, sondern auch junge, kerngesunde Menschen. Das sollte sich jeder vor Augen führen und alle Coronamaßnahmen auch für sich selbst streng einhalten."

Auch angesichts hoher Infektionszahlen ist das Gesundheitsamt Vechta derzeit noch zur umfänglichen Kontaktverfolgung in der Lage. Winkel: "Jeder, der infiziert ist, wird noch am selben Tag benachrichtigt." Man habe das Personal, dass sich mit dem Virusgeschehen befasse, "wesentlich verstärkt". Rund 160 Mitarbeiter sind "sieben Tage in der Woche" in verschiedenen Bereichen der Verwaltung des Kreises mit der Bekämpfung der Pandemie befasst. Winkel hat ermitteln lassen, dass der Stundenaufwand auf ein Äquivalent von 70 Vollzeitstellen hinausläuft. Er begrüßt die Hilfe von Bundeswehr und Finanzamt, denn diese Mitarbeiter und zusätzlich eingestelltes Personal geben die Möglichkeit, das eigene zu entlasten.

Sandra Guhe ist Leiterin des Gesundheitsamtes Vechta. Foto: KühnSandra Guhe ist Leiterin des Gesundheitsamtes Vechta. Foto: Kühn

Guhe erzählt, dass im Gesundheitsamt in der eigentlichen Kontaktermittlung inzwischen 25 Vollzeit-Mitarbeiter in 4 Teams an 4 verschiedenen Standorten arbeiten. Darüber hinaus habe man 2 weitere Kontaktpersonenermittler, die "Containment-Scouts", im Einsatz, die vom Bundesverwaltungsamt bezahlt werden. Das Amt sei auch noch in der Lage, das "Symptomtelefon" zu besetzen, über das Mitarbeiter den Gesundheitsstatus bei in Quarantäne befindlichen Infizierten und Kontaktpersonen abfragen.

Selbst angesichts der Häufung von Infektionsfällen sieht Guhe derzeit keine Probleme, stärker infizierte Menschen in den örtlichen Krankenhäusern zu versorgen. Das gelte insbesondere für die Intensivmedizin. Für die Behandlung von Covid-19-Patienten sind im Kreis die Hospitäler in Damme und Vechta zuständig. Stand Mittwoch wurden dort jeweils 2 Patienten intensivstationär betreut.

"Planbare Operationen werden von den Häusern derzeit nicht abgesagt", erklärt Guhe. Die Kapazitäten reichen bislang aus. Neue Kapazitäten wären schnell hergerichtet: "Die Geräte sind ja vorhanden." Aber: "Auch das Fachpersonal muss bereit stehen", meint sie mit einem sorgenvollen Blick auf die derzeitige Betreuungssituation im Lohner Altenheim. Es bleibe wichtig, dass sich auch die Pflegekräfte penibel an alle Hygiene- und Kontaktregeln halten.

Ordnungsamt verstärkt die Corona-Kontrollen

Als Leiter des Ordnungsamtes des Kreises verfügt Uwe Bünger jetzt über 2 weitere Kontrollteams, besetzt mit jeweils 2 Beamten aus dem Finanzamt. Damit kann er 4 Teams im Schichtbetrieb – jedes schafft etwa 6 bis 8 Corona-Kontrollen am Tag – in den Außendienst schicken. Die Beobachtung der Bahnhöfe und Bushaltstellen im Kreis oder die Besuche in Betrieben gehören zu den Aufgaben. Die Polizei und die Ordnungsämter der Städte und Gemeinden unterstützen den Kreis, kontrollieren die Corona-Auflagen und verhängen Strafen. Winkel betont "dass wir keine Anzeigen schreiben wollen". Man appelliere an die Vernunft der Menschen. Zu glauben "mir passiert schon nichts", das sei falsch.

Dass auch Jüngere betroffen sein können, müsse viel deutlicher werden, wünscht sich Guhe. "Corona kommt jedem näher, ist direkt da. Vielleicht müssen wir viel mehr Bilder von den schweren Fällen auf den Intensivstationen zeigen, damit Uneinsichtige sehen, was das Virus anrichten kann."

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