Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Politikberater Lorenz Brockmann: "Plakate überzeugen nicht. Das können nur Menschen"

Der Vortrag des Festredners beim CDU-Neujahrsempfang in Lohne war inspirierend – und öffnete so manchem Parteimitglied die Augen. Der 35-Jährige gab Tipps für einen erfolgreichen Wahlkampf.

Artikel teilen:
Er kokettiert in einer tiefschwarzen Region mit seinem grünen Parteibuch: Politikberater Lorenz Brockmann erklärt der CDU Lohne, wie man Wahlen gewinnt. Foto: Timphaus

Er kokettiert in einer tiefschwarzen Region mit seinem grünen Parteibuch: Politikberater Lorenz Brockmann erklärt der CDU Lohne, wie man Wahlen gewinnt. Foto: Timphaus

Wie gewinnt man eine Wahl? Darüber muss sich die CDU in Lohne eigentlich keine Gedanken machen. Seit mehr als 70 Jahren fällt in der Stadt keine Entscheidung ohne den Segen der Christdemokraten. Doch die absolute Mehrheit bröckelt. Und auch wenn aktuell kein Urnengang ansteht: Vielleicht ist es genau der richtige Zeitpunkt für neue Impulse – gerade wenn sie von jemandem kommen, der Wahlkämpfe begleitet, vorwiegend von grünen Kommunalpolitikern, und sogar selbst Mitglied der Ökopartei ist.

Denn Wahlkampf muss heute anders gedacht werden. Davon ist Lorenz Brockmann überzeugt. Der Politikberater, Rhetorik-Trainer und Dozent für strategische Kommunikation aus Tübingen war Festredner beim CDU-Neujahrsempfang am Freitag auf dem Hof Seggewisch in Märschendorf. In seinem Vortrag nannte er 3 Erfolgsfaktoren in Wahlkämpfen: Strategie, Kampagne und Rhetorik. Er gab zahlreiche Tipps, zeigte aber auch auf, worauf Kandidaten und ihr Team besser verzichten sollten.

Der 35-Jährige weiß, wovon er spricht. Der Autor des Buchs "Wie man eine Wahl gewinnt" hat nach eigenen Angaben bereits mehr als 100 Wahlkämpfe, nicht nur politischer Natur, begleitet und beraten – darunter jenen des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer, der im Oktober 2022 zum 3. Mal die absolute Mehrheit in seiner Stadt holte. 

Das Modell der 5 Säulen einer Wahlkampfstrategie

Brockmann nannte die Personalisierung, die Medialisierung, die Pluralisierung, die Empörungskultur und die Politisierung der Jugend als Gründe, warum Wahlkämpfe heute andere Werkzeuge erfordern. Aus seiner Sicht bedürfe es einer Professionalisierung, zunehmender Strategiearbeit und besserer Rhetorik.

"Wer eine Wahl gewinnen will, braucht eine durchdachte Strategie, eine klare und kluge Kampagne und ein starkes Team", sagte der Schwabe. Das Kernstück seiner Rede bildete das Modell der 5 Säulen einer Wahlkampfstrategie. Diese sind Strukturen, Positionierung, Themen und Inhalte, Ressourcen und Wahlkampagne.

Prütt ist angerichtet: (von links) Landrat Tobias Gerdesmeyer, Festredner Lorenz Brockmann, Bürgermeisterin Dr. Henrike Voet, Koch Karl Fiedler, CDU-Vorsitzender Dr. Carsten Bockstette und Gastgeber Herbert Holz. Foto: TimphausPrütt ist angerichtet: (von links) Landrat Tobias Gerdesmeyer, Festredner Lorenz Brockmann, Bürgermeisterin Dr. Henrike Voet, Koch Karl Fiedler, CDU-Vorsitzender Dr. Carsten Bockstette und Gastgeber Herbert Holz. Foto: Timphaus

Brockmann erläuterte, dass im Wahlkampf alles so ausgerichtet werden müsse, dass der Kandidat wirken kann. Die Festlegung der Zielgruppe werde unterschätzt, aber noch wichtiger sei es, die Frage zu beantworten: Wen wollen wir nicht erreichen? Wer mit seinen Herzensthemen in den Wahlkampf ziehe, stelle sich oft selbst ein Bein, konstatierte der Experte.

Darstellung und Inszenierung seien wesentliche Aspekte eines guten Wahlkampfs. Doch Brockmann betonte, dass nicht alles Show sei. "Die zustimmungsfähigen Charaktereigenschaften müssen in den Fokus gerückt werden." Ein Kandidat müsse sich von den Mitbewerbern abgrenzen. "Die Leute wollen etwas zu wählen haben."

Brockmann sagte, Themen und Inhalte würden massiv überschätzt. Viel wichtiger sei es, in Zielgruppen zu gehen und dort klare Botschaften zu platzieren. Dank des Multiplikator-Effekts könnte dann eine Kampagne in Idealfall fliegen lernen.

"Das Kopfplakat ist tot."Lorenz Brockmann, Politikberater aus Tübingen

Kandidaten sollten auf Bauchwörter statt Kopfwörter setzen, sagte der Festredner. Freiheit sei so ein Beispiel, Liberalismus nicht. Er appellierte an Wahlkämpfer, die Potenziale beim Fundraising wirklich auszuschöpfen und sich nicht zu schade zu sein, nach Geld zu fragen. Palmer habe dies beherzigt und mit seinem Team in einer Woche etwa 120.000 Euro eingesammelt.

Besonders anschaulich argumentierte Brockmann bei der Plakatkampagne. Er konstatierte: "Das Kopfplakat ist tot." Die Verwendung funktioniere nach dem Gießkannen-Prinzip, ohne jeglichen Effekt. "Ein Plakat überzeugt nicht. Das können nur Menschen." Botschaften vermitteln, Aufmerksamkeit erzeugen, ein freundliches Gesicht zeigen – all das könne ein Plakat. Mehr nicht. 

Der CDU-Stadtverbandsvorsitzende Dr. Carsten Bockstette (rechts) dankt Lorenz Brockmann für seinen inspirierenden Auftritt. Foto: TimphausDer CDU-Stadtverbandsvorsitzende Dr. Carsten Bockstette (rechts) dankt Lorenz Brockmann für seinen inspirierenden Auftritt. Foto: Timphaus

Brockmanns Vortrag war inspirierend – und öffnete so manchem Parteimitglied die Augen. Er kokettierte immer wieder mit seiner Mitgliedschaft bei den Grünen und würzte seine Ausführungen mit unterhaltsamen Anekdoten. 

Dr. Carsten Bockstette hatte zu Beginn des Abends die Begrüßung übernommen. Der neue Lohner CDU-Stadtverbandsvorsitzender warnte vor den Extremen an den politischen Rändern, die die Krisen nutzten, um sich populistisch aufzudrängen. Er sah die Gefahr einer "Destabilisierung der Demokratie". Die CDU müsse ihre Stimmenanteile wieder ausbauen und die Menschen dazu animieren, sich in der politischen Mitte zu engagieren. Dazu müsse die Partei vor allem glaubwürdig bleiben, sagte der 49-Jährige.

Für die musikalische Untermalung sorgte Franz Diekmann am Marimbaphon. Der junge Lohner, mehrfacher Bundessieger bei "Jugend musiziert", wirbelte die Schlegel virtuos über die Klanghölzer und beeindruckte die Gäste mit seinem Können.

Lohne nimmt 2022 knapp 34 Millionen Euro Gewerbesteuer ein

Lohnes Bürgermeisterin Dr. Henrike Voet (CDU) blickte kurz auf das "Krisenjahr 2022" zurück. Der Stadt gehe es dennoch wirtschaftlich gut. Sie verkündete Gewerbesteuereinnahmen in 2022 von knapp 34 Millionen Euro – eine neuerliche Bestmarke, die aus einer starken Wirtschaft und einer verlässlichen Politik resultiere. Trotz der imposanten Bilanz mahnte sie Haushaltsdisziplin an.

Vechtas Landrat Tobias Gerdesmeyer (CDU) hielt ein Plädoyer für mehr Optimismus, Mut und Innovationskraft. Diese seien Instrumente zur Bewältigung der Krisen, nicht Nörgelei. Die Energiegewinnung sei ein Zukunftsthema, bei dem der Landkreis durch den Ausbau der Erneuerbaren viel erreichen könne. Er forderte: "Wir brauchen schnellere Genehmigungsverfahren." Im Kreishaus sei mit Dr. Benedikt Beckermann als neuem Kreisrat ein "Dezernent für Bürokratieabbau" installiert worden, sagte der 49-Jährige.

So verpassen sie nichts mehr. Mit unseren kostenlosen Newslettern informieren wir Sie über das Wichtigste aus dem Oldenburger Münsterland. Jetzt einfach für einen Newsletter anmelden!

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Politikberater Lorenz Brockmann: "Plakate überzeugen nicht. Das können nur Menschen" - OM online