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Plötzlich heilig?

Kolumne: Auf ein Wort – Die Kirche hat zurzeit wichtigere Aufgaben als die schnelle Heiligsprechung von Päpsten.

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„Plötzlich Prinzessin“ heißt eine amerikanische Filmkomödie. Der Titel ist selbsterklärend. Manche Leute sind auch schon „plötzlich“ heiliggesprochen, nämlich durch den Zuruf des Kirchenvolkes. Das war bis ins Mittelalter häufig so. Später wurden strengere Prüfverfahren eingeführt. Als die Welt im Jahre 2005 Abschied von Papst Johannes Paul II. nahm, da war auf dem Petersplatz ein vielstimmiger Chor zu hören: „Santo subito!“ Jetzt sind wieder solche Stimmen zu hören. Werden wir Papst Benedikt XVI. demnächst auf Heiligenbildchen sehen?

Ich möchte an ein anderes Bild erinnern: Der Maler Michael Triegel hatte im Jahre 2010 den Auftrag, ein Porträt dieses Papstes zu malen. Es ist ein eindrucksvolles, ehrliches Bild geworden. Es zeigt Benedikt in seiner Nachdenklichkeit, ja sogar in einer gewissen Skepsis der modernen Welt gegenüber. Der Papst war begeistert. Ganz anders sein Sekretär. Erzbischof Gänswein soll dem Maler unter vier Augen gesagt haben: „Das Bild zeigt den Heiligen Vater nicht in seiner jugendlichen Frische. Können Sie das nicht ändern?“

"Der Mensch und Theologe Josef Ratzinger war vielschichtiger als das kitschige Heiligenbildchen, das einige von ihm nachträglich malen wollen."Pfarrer Dr. Marc Röbel

Das Bild blieb, wie es war. Die kleine Anekdote macht ein großes Problem sichtbar: Hier soll ein Bild retuschiert, geschönt, übermalt werden. Hier soll nicht mehr der Josef Ratzinger sichtbar werden, wie er war, sondern wie ihn manche in seiner Umgebung gerne hätten. Ich behaupte: Der Mensch und Theologe Josef Ratzinger war vielschichtiger als das kitschige Heiligenbildchen, das einige von ihm nachträglich malen wollen. Da könnten wir vom jungen Josef Ratzinger lernen. In einem seiner frühen Bestseller ist von der „unheiligen Heiligkeit“ der Kirche die Rede. Das „Unheilige“, das Unreife und Unerlöste muss bearbeitet und geheilt werden.

Wenn Sie mich fragen: Wir sollten uns als Kirche jetzt überhaupt nicht mit der schnellen Heiligsprechung von Päpsten beschäftigen. Die Aufgabe der Kirche ist eine andere: Wie können wir Spuren des Heiligen im Leben entdecken, wie es sich heute in aller Vielfalt zeigt? Und wie können wir Menschen dabei begleiten, ihre eigene Würde, ihren inneren Weg zu entdecken?

Josef Ratzinger wurde als Präfekt der Glaubenskongregation einmal im Interview gefragt: „Herr Kardinal, wie viele Wege zu Gott gibt es denn eigentlich?“ Ratzinger galt zu dieser Zeit als katholischer Hardliner. Seine Antwort zeigte eine überraschende Weite: „Wie viele Wege? So viele wie es Menschen gibt.“ Ein Mann mit vielen Facetten. 2005 titelte die bekannteste Tageszeitung Deutschlands „Wir sind Papst!“ Irgendwann wird Papst Benedikt nicht mehr in den Schlagzeilen stehen. Dann wird die Zeit kommen, die Lichtblicke seiner Theologie zu würdigen; aber auch aus seinem langen Schatten herauszutreten und nach vorne zu blicken. Was von ihm bleibt, wird die Geschichte zeigen. Das geht nicht „subito“.


Zur Person:

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Akademiedirektor der Katholischen Akademie in Stapelfeld und des St. Antoniushauses in Vechta.
  • Sie erreichen ihn unter redaktion@om-medien.de

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