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"Playboy"-Häschen im Pool, am Tisch ein Weltmeister

Von der verrücktesten Reise seines Lebens hat Karl Bollmann (85) nicht alles aufgezeichnet. Wie er mit seinem Kumpel ins Villen-Grundstück von Hugh Hefner gelugt hat, verrät er nur auf Nachfrage.

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Freude an einer verrückten Reise: Karl Bollmann (85) mit seiner Sammelmappe von 1976. Pikante Details lässt sie jedoch aus. Foto: Kreke

Freude an einer verrückten Reise: Karl Bollmann (85) mit seiner Sammelmappe von 1976. Pikante Details lässt sie jedoch aus. Foto: Kreke

Von der verrücktesten Reise seines Lebens hat Karl Bollmann (85) eine seriöse Sammelmappe angelegt, die allerdings nicht ganz so seriöse Momente ausspart. Fotos und ein Autogramm zeigen: Der ehemalige   Handelsvertreter stieß vor 45 Jahren bei einem Fest-Bankett in Chicago völlig unverhofft auf Box-Weltmeister Max Schmeling. „Ich war hin und weg“, sagt der Cloppenburger heute, denn: „Ich wusste gar nicht, dass der da hinkommt.“

„Da sprangen die Mädchen mit ihren Stummelschwänzchen in den Pool. Der muss gut geheizt gewesen sein. Denn es lag überall dick Schnee.“Karl Bollmann

Weniger seriös, aber durchaus glamourös verlief dagegen eine Sight­seeing-Tour mit den amerikanischen Gastgebern am nächsten Tag:  Die Herren lugten neben dem verschlossenen Tor aufs Villen-Grundstück von „Playboy“-Gründer Hugh Hefner. „Da sprangen gerade die Mädchen mit ihren Stummelschwänzchen in den Pool“, erinnert sich der Cloppenburger amüsiert: „Der muss gut geheizt gewesen sein. Denn es lag überall dick Schnee.“

Seinen Blick in die Welt der Sportprominenz und in den „Bunny“-Pool verdankt der ehemalige Handelsvertreter für Zwieback und Schokolade einem Jugendfreund. Mit Bernhard Sudendorf aus Alfhausen hatte Bollmann schon in der Kreisklasse gekickt und im Spielmannszug musiziert. „Einmal sind wir durch Cloppenburg gezogen, als Schützenfest war“, berichtet der Kaufmann. Sudendorf, der einen Hof bewirtschaftete, hatte zwei Brüder, die nach dem Krieg nach Chicago ausgewandert waren. Weil er sie noch nie besucht hatte, reifte der Reiseplan mit seinem Kumpel.

Die Ankunft des Duos barg eine Überraschung. Denn die Brüder Richard und Franz-Josef, die bestens in der deutschen Community von Illinois vernetzt waren, hatten Karten für das größte gesellschaftliche Ereignis des Jahres, den Sport- und Presseball, geordert. „Habt ihr einigermaßen ordentliches Zeug dabei?“, fragte einer. Bollmann  hatte.

Empfang für den Ex-Weltmeister: Der Sänger und Conferencier Cliff Nelson (gebürtig aus Hannover) begrüßt Schmeling zur Gala.Empfang für den Ex-Weltmeister: Der Sänger und Conferencier Cliff Nelson (gebürtig aus Hannover) begrüßt Schmeling zur Gala.

Im prunkvollen Ballsaal des Golden Tiara wurden unter Kristall-Leuchtern die Sepp-Herberger-Pokale für die besten Kicker der Zuwanderer-Szene vergeben. Die Trainer-Legende gehörte zu den Partnern und Sponsoren der deutschen US-Einwanderer und schickte jedes Jahr einen prominenten Ehrengast zur Gala. „Im Jahr davor war Fritz Walter dagewesen.“ Bollmann saß staunend mitten im Saal: „Wir waren ja unbeholfene Bauernjungs“, meint er lachend. Aber mit Schneid.

Als Max Schmeling, umgeben von seinem Tross, am Ehrentisch Platz nahm, war Bollmann der Einzige, der sich mit einem Programmheft herantraute und sich als Fan zu erkennen gab. Der Ex-Weltmeister winkte freundlich und Bollmann hatte sein Autogramm. Dass er danach um ein Grußwort am Mikrofon gebeten wurde, schreckte ihn nicht: „Da hatte ich nie Angst, das konnte ich.“

Auswanderin getroffen: Vertreter kannte ihre Mutter

Wie klein und nah die Welt ist, bestätigte sich, als der Cloppenburger beim Tanz mit einer jungen Frau ins Gespräch kam: Erika Hilbers hatte vor ihrer Auswanderung und Heirat in den USA in Emden an der Okko-Tom-Brook-Straße gelebt. „Ach, da hab‘ ich einen Kunden“, fiel Bollmann ein. Es war ein kleiner Laden, der mit Süßwaren und Tee handelte. Die Ostfriesin fiel aus allen Wolken: Im Büro des Händlers arbeitete ihre Mutter. Der völlig überraschte Handelsvertreter schenkte dem „Ostfriesen-Mädchen“, wie Hilbers später in einer Widmung schrieb, eine Schachtel Weinbrand-Bohnen, die er auf Verdacht eingepackt hatte - ein Volltreffer: „Die gab‘s in den USA nur unter der Ladentheke“, stellte er fest. Schnaps war nur im „Liquor store“ erlaubt.

Mit ihrer Reise schafften es die beiden Deutschen bis in die „Abendpost“, die angeblich einzige deutschsprachige Zeitung in den USA und laut Eigenwerbung „seit über 86 Jahren Zentralstelle für alle Bestrebungen der deutschstämmigen Bürger Chicagos“. Am 19. Dezember zeigte das Blatt, wie die deutschen Gäste in der „Hüttenbar“ ihren Abschied mit einem gezapften Bier feierten. Was das Foto wiederum nicht verrät: Karl Bollmann hatte Schwierigkeiten, seine Runde zu bestellen, weil ihn der Wirt beharrlich ignorierte.

Bis Richard Sudendorf den Neuling aufklärte: Ein frisches Getränk brachte der Wirt nur, wenn Dollarscheine als Zeichen der Zahlungsfähigkeit unter dem Deckel bereitlagen. „Der nahm sich dann selbst das Geld“, berichtet Bollmann. Gezahlt wurde grundsätzlich in kleinen Scheinen. „Die Männer hatten deshalb meist auch keine Börse, sondern benutzten eine Klammer für die Ein-Dollar-Noten.“

Bollmann verschenkt Erinnerungen an Forscher

All das ist dem gebürtigen Alfhausener, den seine Frau Maria nach Cloppenburg geführt hat, nach einem Bericht in der Münsterländischen Tageszeitung wieder eingefallen: Dr. Jürgen Vortmanns Buch über den Boxer Hans Breitensträter erinnert auch an Max Schmeling. Jetzt soll die Erinnerungsmappe mit der Signatur den Besitzer wechseln. „Mit ist das zu schade, wenn das irgendwann im Müll landet“, sagt Bollmann. Bei Vort­mann, der die Box-Legenden wie die Auswanderergeschichte erforscht, wäre das Konvolut aus Fotos, dem Original-Katalog und etlichen Zeitungsberichten aus Chicago gut aufgehoben.

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