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Pfarrer Borth: Die Kirche muss sich neu erfinden

Auch in Essen gab es 2021 vermehrt Kirchenaustritte. Mit besonderen Angeboten möchte das Seelsorgeteam die Gläubigen zurückgewinnen. Das religiöse Bedürfnis sei da, sagt Michael Borth.

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Fühlt sich in Essen wohl: Pfarrer Michael Borth. Foto: G. Meyer

Fühlt sich in Essen wohl: Pfarrer Michael Borth. Foto: G. Meyer

Ein gefragter Mann ist Michael Borth eigentlich immer. Kurz vor Weihnachten hat Essens katholischer Pfarrer aber besonders viel zu tun. Während  der 61-Jährige am neuen Pfarrbrief feilt, klingelt das Telefon im Minutentakt. Borth nimmt es gelassen. Den Trubel ist er ja gewohnt.

Es ist sein zweites Weihnachtsfest in der Pfarrgemeinde St. Barholomäus. Dass die Feiertage erneut von der Pandemie beeinträchtigt werden, bedauert der Geistliche. "Corona legt uns weiter Fesseln an. Wir können leider nur Ausschnitte aus unserem normalen Gemeindeleben zeigen." Zu den Gottesdiensten werden in Essen diesmal nur maximal 132 Gläubige in die Pfarrkirche eingelassen. In Bevern sind es 54. Borth, dem die Kirche normalerweise gar nicht voll genug sein kann, bleibt nur die Hoffnung auf Besserung im kommenden Jahr. 

Seine Gemeinde hat er mittlerweile kennengelernt, die meisten Einrichtungen und Vereine besucht und auch die Zuständigkeiten im Pfarrbüro neu verteilt. Sich selbst beordert der Geistliche mitten ins Geschehen. Als Seelsorger sei es seine Aufgabe, ganz nah bei den Menschen zu sein, sagt Borth. Trotzdem verzeichnete auch seine Pfarrgemeinde in diesem Jahr mehr Austritte als üblich. "Wenn ich die Menschen nach den Gründen frage, antworten sie aber meistens, dass diese nichts mit uns zu tun hätten", betont er. 

Kirchenkrise trifft auch die Pfarrgemeinde

Die Krise, in der die katholische Kirche insbesondere in Deutschland steckt, geht auch an Essen nicht spurlos vorbei. Vom Priestermangel bis zum Missbrauchsskandal, den viele Kirchenmitglieder als nur unzureichend aufgearbeitet empfinden, reiht sich derzeit ein Problem an das andere. Eine Patentlösung kennt auch Michael Borth nicht. "Es reicht aber nicht mehr, an ein paar Stellschrauben zu drehen. Die Kirche muss sich neu erfinden", glaubt er. Eine Vision müsse jetzt her, bislang liege jedoch keine vor, die Borth wirklich überzeuge. Soviel weiß er aber: "Wir müssen anfangen, etwas Neues zu entwickeln, ohne dabei die Grundsätze unseres Glaubens zu verlieren." 

Mit besonderen Angeboten ist es dem Pfarrei-Team inzwischen gelungen, Besucher in die Kirche zu locken, denen die herkömmlichen Gottesdienste zu dröge sind. Kürzlich griff sogar ein Harfenist in die Saiten. Die Menschen seien weiterhin für religiöse Erfahrungen offen, hat Michael Borth festgestellt. "Wichtig ist aber, dass sie von selbst zu uns kommen." So wie der 24-Jährige, den er gerade auf seine Taufe vorbereitet. Vom offensiven Missionieren hält der Westfale dagegen nicht so viel. 

"Pastorale Räume" sollen Pfarrermangel ausgleichen

Ob die Kirche in einigen Jahren noch die von Borth beschworene Nähe zu ihren Mitgliedern aufrechterhalten kann, hängt davon ab, wie sie sich jetzt neu aufstellt. Das Bistum Münster hat den Strukturprozess inzwischen eingeleitet. Zwar soll es keine weiteren Fusionen von Pfarreien mehr geben. Dafür möchte die Kirchenleitung sogenannte "pastorale Räume" schaffen, in denen Gemeinden enger als bisher zusammenarbeiten sollen. In der Praxis würde das die Bildung größerer Pastoralteams bedeuten, die dann auch gemeinsam unter einem Dach wohnen könnten. Das Vorhaben schafft Synergien, hat aber auch eine Kehrseite: Das Ende des Pfarrers vor Ort scheint besiegelt.

Michael Borth ist das Unwohlsein darüber anzumerken. Seinem eigenen Seelsorge-Verständnis entspricht der Ansatz eher nicht. Die Kirche sieht sich jedoch dem Zwang ausgesetzt, den zunehmenden Priestermangel irgendwie kompensieren zu müssen. Essens Pfarrer bleibt daher wohl nichts anderes übrig, als die Dinge geschehen zu lassen – und sich auf die eigenen Aufgaben zu konzentrieren. Die Einrichtung eines dringend benötigten Jugendraumes für die Messdienerschaft und die Landjugend gehört dazu. Auf der Jugend ruhen ohnehin die Hoffnungen des Gottesmannes. "Wenn wir sie früh für die Kirche begeistern, wird sie auch eine Zukunft haben", ist er sicher. Drei Dinge könne er als Pfarrer dafür tun, sagt Borth: "Da sein, engagieren und sich anstrengen."

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