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Petzen mit der Deutschen Bahn

Kolumne: Die Generation Z zeigt’s Ihnen – Mein Zug nach Berlin hat über eine Stunde Verspätung. Da werde ich auf einen Aushang aufmerksam. Der könnte der Bahn eine neue Marketing-Kampagne aufzeigen.

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7.53 Uhr. Die Sonne brennt schon um diese Zeit grell vom Himmel. Es wird wohl ein heißer Sommertag. Kurz verschnaufen, dann soll es weitergehen mit dem Intercity (IC) von Bremen nach Hamburg. Auf der Anzeige-Tafel steht Abfahrt 8.18 Uhr. Was für ein Glück ich habe – der Zug fährt pünktlich. Ich schaue den Bahnsteig hinab und versinke für einen Augenblick in meinen Gedanken.

Der Zeiger der Bahnhofsuhr springt auf 8 Uhr. Mein Blick richtet sich in Richtung Anzeigetafel. 9.33 Uhr steht dort. Mein Zug soll über eine Stunde Verspätung haben. Na toll. Und wie ich da so stehe und auf den Fahrplan im Schaukasten schaue, sehe ich ganz unten einen Zettel hängen: “Wählen Sie mehr Sicherheit!” Ich werde neugierig.

Die Kernaussage: Ich soll von der Deutschen Bahn eine Belohnung bekommen – wenn ich petze. Im bürokratischen Deutsch ausgedrückt heißt es: “Sie beobachten eine Person, die eine Sachbeschädigung an einer Bahneinrichtung begeht? Melden Sie Ihre Beobachtung!” Es soll eine Belohnung geben. Das ist eine durchaus interessante Herangehensweise der Bahn: Fahrgäste einbinden, um die eigenen Probleme zu lösen.

Unter 60 Prozent der Züge am Bremer Hauptbahnhof kommen pünktlich an

Warum macht die Bahn das nicht zu ihrer neuen Marketingkampagne und wendet das Prinzip überall an? Unter 60 Prozent der Fernzüge kommen laut einer Erhebung des Magazins Spiegel am Bremer Hauptbahnhof pünktlich an. In Hannover sind es sogar nur 55 Prozent. Die Gründe? Die Hälfte aller Verspätungen ist auf Störungen im Betriebsablauf zurückzuführen. Das sind Verspätungen vorausfahrender Züge, Verspätung aus vorherigen Fahrten oder auch verspätetes Personal. 16 Prozent der Verspätungen sind auf Störungen am Zug und 15 Prozent mit Problemen an der Strecke zu begründen. An gerade einmal 5 Prozent sind Bauarbeiten schuld.

"Ein Vorschlag: Jeder, der mehr als 10 Kilometer Bahn fahren will, muss 1 Meter Bahnstrecke selber ausbauen. Material stellt der Staat."Jan-Christoph Scholz

Die Bahn plagen überlastete Strecken. Der Ausbau des Schienennetzes kommt nur schleppend voran. Mit der Privatisierung im Jahr 1994 habe die fatale Entwicklung der Bahn begonnen, sagen Experten. Warum nicht also hier die Fahrgäste zur Unterstützung einbinden? Ein Vorschlag: Jeder, der mehr als 10 Kilometer Bahn fahren will, muss 1 Meter Bahnstrecke selber ausbauen. Material stellt der Staat. Bei rund 1,2 Milliarden Fahrgästen pro Jahr, kommt da eine beachtliche Strecke zusammen.

Daneben fehlt es der Bahn nach eigenen Angaben an Personal. Warum helfen nicht die Fahrgäste mit? Jeder, der aktuell nicht mit einem 9-Euro-Ticket fährt, darf wahlweise als Lokführer oder im Service einspringen und sich durch die überfüllten Regionalzüge der Republik zwängen.

Für helfende Fahrgäste gibt es am Ende eine Belohnung von der Bahn

Elektriker, Mechaniker und alle anderen Fahrgäste, die einen handwerklichen Beruf ausüben, könnten der Bahn bei der Wartung und Instandsetzung der “Bahnanlagen” helfen. Natürlich würde all das für uns Fahrgäste einen Mehraufwand bedeuten. Doch Sie bekommen eine Belohnung von der Bahn: Am Ende würden so sicherlich mehr Züge pünktlich fahren.

Ich selber bin schnell zur Fahrgastauskunft am Bremer Hauptbahnhof gelaufen. Dort konnte man mir einen Zug nach Hannover vermitteln. Statt IC mit Sitzplatz hieß es für mich voller Regional-Express ohne Internet. Immerhin in Hannover habe ich einen Anschlusszug nach Berlin bekommen. Mit einiger Verspätung bin ich an meinem Ziel angekommen. Vielleicht bekomme ich sogar einen kleinen Betrag von der Bahn erstattet. Manchmal muss man also doch nur petzen.


Zur Person:

  • Jan-Christoph Scholz ist Volontär der OM-Medien.
  • Sie erreichen den Autoren per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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