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Paula Pille bringt ihre Erinnerungen zu Papier

Die 90-jährige Paula Pille hat ihren Bericht beendet. Schwer sei ihr das Schreiben nicht gefallen, sagt sie. Und dass alles einmal "raus gemusst" habe.

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Zeitzeugin: Paula Pille (90) hat ihre Kriegserinnerungen aufgeschrieben. Foto: Meyer

Zeitzeugin: Paula Pille (90) hat ihre Kriegserinnerungen aufgeschrieben. Foto: Meyer

Knapp 80 Jahre liegen die schlimmen Ereignisse bereits zurück. Doch das Erlebte verblasst nicht. "Ich habe alles in meinem Kopf", sagt Paula Pille. Während des Zweiten Weltkriegs war die gebürtige Calhornerin noch ein Kind. Jetzt, mit 90, hat sie ihre Erinnerungen zu Papier gebracht (OM Online berichtete). Kurz nach Weihnachten schrieb sie ihr Zeitzeugnis zu Ende.

Schlecht geschlafen habe sie in den letzten Tagen, bekennt die Seniorin, die im Essener Leo-Stift lebt. Die Gedanken an die dunkle Zeit, als sie kurz nacheinander den Tod zweier geliebter Menschen verkraften musste, kommen zum Jahresanfang besonders stark hoch. Zunächst trauerte die damals 14-Jährige um ihren schwerkranken Vater. "Am 16. Januar 1945 schloss er für immer seine Augen, nachdem er uns alle gesegnet hatte". Kurz darauf erhielt die Familie die Nachricht, dass Paulas Bruder Heinrich in Belgien gefallen war.

Über Weihnachten hatte die gelernte Hauswirtschafterin Stift und Ringbuch zur Seite gelegt. Die Feiertage wollte sie unbeschwert von der Vergangenheit genießen. Zwischen den Jahren setzte sie sich wieder an den Schreibtisch. Im Mittelpunkt sollte diesmal das Kriegsende stehen, das ihr als Halbwüchsiger noch sehr bewusst in Erinnerung geblieben ist. Im Laufe des Krieges waren drei ihrer Brüder Soldaten geworden. Heimatbesuche waren selten. "Bevor er an die Westfront musste,  durfte Heinrich noch einmal nach Hause". Der 19-Jährige hatte sich eigentlich zum Dienst in der Marine melden wollen, war aber gegen seinen Willen zur Waffen-SS eingezogen worden. Bedrückend sei das gewesen, erinnert sich Pille. Ihr Vater sei gegen die Nazis gewesen und habe heimlich den britischen Auslandssender gehört.

Nachbarn helfen Familie in der Not

Seine Uniform habe "Heini" demonstrativ an die Tür zum Schweinestall gehängt. "Die hatte im Haus nichts zu suchen." Nach wenigen Tagen musste er Abschied nehmen. Am 16. Dezember 1944 schrieb er nach Hause: "Der Himmel blutet von Feuer, Bomben und Geschossen. Betet für mich in der Weihnachtszeit." Mit der Ardennenoffensive versuchte die Wehrmacht ein letztes Mal, die Initiative im längst verlorenen Krieg zurückzugewinnen. Sie scheiterte unter hohen Verlusten. "8 Tage nach der Beerdigung des Vaters erhielten wir die Nachricht, dass Heini gefallen ist. Ein Granatsplitter soll ihn direkt ins Herz getroffen haben", erzählt Paula Pille traurig. 

Die Sorge um den Vater, dem am Ende auch eine Operation nicht half, beschäftigte das Mädchen ebenso wie die Angst um ihre Brüder an der Front. Tröstlich dagegen, dass sich die Bauernfamilie auf ihre Nachbarn verlassen konnte. Jeden Abend seien sie vorbeigekommen und hätten sich nach dem Zustand des Schwerkranken erkundigt, lobt Paula Pille. Damit nicht genug. "Der 14-jährige Sohn des Nachbarn pflügte mit unseren Pferden das Land, um es für die Wintersaat vorzubereiten." Die erlebte Solidarität prägte sie, Ressentiments kannte sie wohl auch deshalb nie. Mit den Flüchtlingen, die bei Kriegsende das Oldenburger Münsterland erreichten, fühlte sie ebenso mit, wie mit den Besatzungen der alliierten Bomber, die ins Fadenkreuz der deutschen Flak gerieten. "Die hatten dann keine Chance mehr."  

Immer weniger lebende Zeitzeugen

Paulas Bruder Josef kehrte noch vor dem Durchmarsch der Alliierten mit Kriegsverletzungen nach Calhorn zurück. Seine Kameraden hatten ihn in Ostpreußen auf ein Flüchtlingsschiff gesetzt. Für den Jüngsten, Gregor, endete der Krieg in einem Gefangenenlager am Rhein. Er ging danach wieder zur Schule, studierte anschließend Theologie und wurde 1955 zum Priester geweiht. Als Haushälterin begleitete Paula ihn später nach Lübeck. Nach seinem Tod kehrte sie in ihre Heimat zurück. 

Über die Nachkriegszeit will Paula Pille nicht mehr schreiben, auch wenn diese den weitaus größten Teil ihres Lebens einnahm. An ihr hat sich die Seniorin weit weniger abarbeiten müssen. Fühlt sie sich jetzt erleichtert? "Vielleicht", antwortet die 90-Jährige nach längerem Überlegen. Nach der Veröffentlichung des ersten Artikels über sie habe sie viel Anerkennung auch von Menschen bekommen, die sie gar nicht kannte. Im St.-Leo-Stift ist der Respekt ebenfalls groß. "Es gibt ja immer weniger solcher Zeitzeugen", sagt Geschäftsführer Franz-Josef Ferneding. Inzwischen "wachse" eine neue Generation von Altenheimbewohnern heran, die den Krieg nicht einmal als Kinder erlebt hätte. "Da gehen viele Erinnerungen verloren. Deshalb ist es gut, dass wir Frau Pille hoffentlich noch lange bei uns haben."

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