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Paul Sandmann zieht Bilanz für "Kinder brauchen eine Familie" in 2020

Die Pandemie strahlte in alle Lebensbereiche aus und sorgte für viel Verunsicherung. So wurden im letzten Jahr 211 Familien und alleinstehende Personen mit 270 Kindern von dem Projekt betreut.

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Foto: dpa

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Paul Sandmann, der Leiter des Lohner Jugendtreffs, hat jetzt die Bilanz des Projektes „Kinder brauchen eine Familie“ für das Jahr 2020 präsentiert. 211 Familien und alleinstehende Personen mit insgesamt 270 Kindern wurden betreut. Dabei sei die Zahl der Neukontakte im Vergleich zum Vorjahr von 47 auf 79 gestiegen. Ein Grund? Corona. Eltern, die in Kurzarbeit geschickt wurden oder ihre Jobs verloren haben; Familien, die mit vielen Verunsicherungen leben mussten: Das habe Folgen gehabt.

„Wir nehmen immer die komplette Familie in den Blick. Unsere Frage dabei ist: 'Was können wir tun, damit die Kinder eine funktionierende Familie haben?'“, beschreibt Sandmann die Idee. Deren Umsetzung ist aktuell vor allem die Aufgabe von Bernadette Mönnich; sie ist die zentrale Ansprechpartnerin von "Kinder brauchen eine Familie".

2004 startete "Kinder brauchen eine Familie"

Das Projekt gibt es seit 2004. Damals stellte Paul Sandmann fest, dass über die bestehenden Hilfsstrukturen nicht jedes Kind und jede Familie erreicht werden kann. Schon gar nicht, wenn es um unbürokratische Angebote geht – etwa, wenn nach einer Trennung Ämtergänge anstehen. Die Lösung: aktive Angebote. Die Begleitung zum Arzt oder zum Amt etwa oder die Organisation einer Hausaufgabenhilfe. 

Die Grundlage der Projektarbeit sei dabei Vertrauen. „Das haben wir in den letzten Jahren aufgebaut“, betont Paul Sandmann. Darüber hinaus verfüge der Jugendtreff über ein gutes Netzwerk und kenne sich im Sozialsystem sehr gut aus. Das bedeute, es werde bei Bedarf an eine andere Stelle weitervermittelt. Da sei es unerlässlich, immer auf dem Laufenden zu sein, was sich verändere und welche Neuerungen es gebe – wie etwa die Baby-Lotsinnen im Landkreis Vechta.

Absicherung der Existenz als Kernproblem

Im letzten Jahr gab es 6 Bereiche, in denen den Betroffenen geholfen werden konnte. Dabei ist mit 122 Fällen der Punkt „Anspruchsklärung/Absicherung der Existenz“ am stärksten vertreten. Es folgt mit 55 Fällen „Sonstiges, Beratung und psychosoziale Betreuung“. Danach folgen Unterstützungsleistungen rund um Kindergarten-, Schul- und Ausbildungsbelange sowie berufliche Belange (27); Verträge und Mitgliedschaften (17); Neuanträge beispielsweise bei der Geburt eines Kindes (13) und abschließend die Unterstützung bei medizinischen Belangen.

Im Einsatz für Kinder: Paul Sandmann, der Leiter des Lohner Jugendtreffs, und seine pädagogische Mitarbeiterin Arin Darwisch. Die Basteltüten für Kinder werden am Samstag auf dem Lohner Wochenmarkt ausgegeben. Foto: HeinzelIm Einsatz für Kinder: Paul Sandmann, der Leiter des Lohner Jugendtreffs, und seine pädagogische Mitarbeiterin Arin Darwisch. Die Basteltüten für Kinder werden am Samstag auf dem Lohner Wochenmarkt ausgegeben. Foto: Heinzel

Sandmann fast das Jahr so zusammen: „Das Jahr 2020 war von der Corona-Pandemie geprägt, deren Auswirkungen in alle Lebensbereiche der Kunden bis hin zu existenziellen Sorgen um die Familie spürbar waren. Viele der Kunden, die als ungelernte oder angelernte Mitarbeiter in der Produktion beschäftigt sind, sahen sich plötzlich mit Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit konfrontiert und suchten daraufhin die Unterstützung im Projekt Kinder brauchen eine Familie, um die Lebensgrundlage ihrer Familie sicherzustellen.“

Wie lange die Hilfe gebraucht wird, ist unterschiedlich

Im Blick hat Paul Sandmann dabei immer die Kinder. Danach folgt die familiäre Struktur und das soziale Umfeld, in das die Kinder eingebunden sind. Überall dort setzen die Hilfen an. Das Ziel ist es, ein stabiles Familiensystem zu schaffen, indem sich die Kinder entwickeln können. Die Dauer der Hilfe ist ganz unterschiedlich. Manche kommen nur einmal, andere öfter und wieder andere sind mit Unterbrechungen länger dabei – erst als Kinder und später mit der eigenen Familie, berichtet Paul Sandmann.

2 Fallbeispiele aus dem Jahresbericht

In seinem Jahresbericht schildert der Jugendtreff an anonymisierten Beispielen, wie geholfen werden konnte.

Im Falle eine Großfamilie kümmerte sich die 20-jährige Tochter um die schwer kranke Mutter. Doch die Pflege gestaltet sich sehr aufwändig. Die Zeit, eine vom Jobcenter angesetzte Maßnahme fortzuführen, fehlt der 20-Jährigen. Es drohen Sanktionen. Über das Projekt wird eine Lösung gesucht. Die Mutter wird in den Pflegegrad 4 eingestuft; die Tochter als Pflegeperson eingesetzt.

Dann macht einer ihrer Brüder der 20-Jährigen neue Probleme. Post fehlt, Geld fehlt: Mithilfe des Projektes steht die junge Frau für sich ein, entwickelt Selbstvertrauen und ein ganz neues Selbstwertgefühl, heißt es in dem Bericht. Gegen den Bruder habe sie sich durchsetzen können. 

„Dieses Beispiel macht deutlich, dass mitunter auch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden muss, da viele Menschen ihre Ansprüche und Rechte nicht kennen und daher auch nicht durchsetzen können“, schreibt Paul Sandmann in dem Jahresbericht. „Am Ende entscheidet jeder Mensch selbst über sein Schicksal.“ Daher gelte es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Dabei sei es entscheidend, die Menschen ernst zu nehmen und nicht zu entmündigen.

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