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"Pass auf, sie sieht dich nicht!"

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Ob auf dem Gehweg, auf dem Parkplatz oder in der U-Bahn. Handys ziehen uns in ihren Bann und schotten uns von der Umwelt ab.

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Sie kam von links. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, rangierte sie ihren leeren Einkaufswagen in die Wagenschlange neben dem Supermarkt und verschwand. Meinen verdutzten Blick hat die Mittvierzigerin wohl kaum registriert. Sie sah auch die anderen Wartenden nicht, die ebenfalls ihre rollenden Drahtgestelle zurückbugsieren wollten und nur darauf hofften, dass ein Neukunde endlich sein Gefährt aus der Einfahrt bewegte.

"Ganz schön unhöflich", so urteilte ich am heimischen Herd nach ausführlicher Tatsachenschilderung. "Du irrst Dich", konterte die beste Ehefrau von allen: "Sie hat dich wirklich nicht gesehen." Erst jetzt dämmerte es mir: Offensichtlich war ich dem leibhaftigen Smartphone-Reflex begegnet. Die kurze Diagnose: Man ist so auf das Gerät fixiert, dass man seine Umgebung nur noch partiell wahrnimmt. Selbst dann, wenn man den rechteckigen Kasten nicht direkt vor Augen hat, bleibt der Nächste quasi unsichtbar.

Der Nächste steckt irgendwo im Web

Denn der wirklich Nächste, er steckt irgendwo im "WWW" und benötigt die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Gegenübers. Beispiel: Mitten auf dem Gehweg kam uns eine Fußgängerin entgegen – sorry, ich hätte das Geschlecht auch einfach tauschen können –, bemerkte uns erst in letzter Sekunde, trat zur Seite und lächelte in ihr Handy. Ich nehme an, es lächelte zurück.

Oder: Man sitzt mit mehreren Personen am Tisch, unterhält sich fröhlich – bis das Rechteck klingelt. Okay, denkt man, das kann ja passieren. Jetzt nimmt der Angerufene das Gespräch an und unterhält sich minutenlang angeregt mit dem Unsichtbaren neuen Tischkumpanen. Alle anderen verstummen. Was tun in einer solchen Situation – aufstehen, weggehen?

"Tipp, tipp, tipp – und schon sagt mir das Rechteck, wo mitten in der Großstadt der nächste gute „Italiener“ zu finden ist. Grazie mille!" Andreas Kathe

Nein, nein, es folgt hier jetzt keine radikale Abrechnung mit der "Smartphone-Sucht". Die Teile sind doch einfach zu praktisch. Jederzeit und an – fast – jedem Ort lassen sich Kontakte aufbauen und Informationen sammeln. Wunderbar, wie sich die Welt heute so auf recht kurzem Wege auch besser erschließen lässt. Tipp, tipp, tipp – und schon sagt mir das Rechteck, wo mitten in der Großstadt der nächste gute "Italiener" zu finden ist. Grazie mille!

Auf dem Weg zum "Italiener" sitzen wir entspannt in der U-Bahn und beobachten die Mitreisenden. Jungs und Mädchen, Vater mit Kind, Pärchen, dicht zusammengerückt. Es ist eine Reisegesellschaft, die durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden ist. Fast alle lächeln, so scheint es, durch die Maske hindurch in ihr Rechteck. Mag sein, es lächelt zurück.

Bei der nächsten Station müssen wir aussteigen. Die junge Frau neben uns mustert angestrengt ihr Handy und tritt 2 Schritte vor. "Pass auf", sagt die Ehefrau: "Sie sieht Dich nicht!"


Zur Person:

  • Der Journalist Andreas Kathe lebt in Dinklage. Lange Jahre war er Redakteur und Redaktionsleiter der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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