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Kolumne: Das ganz normale Leben – So ein Arbeitstag an einem Freitag könnte so entspannt sein. Wäre da nicht die bedrohliche Post in braunen Umschlägen.

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Es war einer dieser Tage, an denen man eigentlich froh gelaunt ins Büro reist und sich freut, was für einen tollen Job man hat, wie nett die aufmerksamen Mitarbeiter (m/w/d) sind, wie herrlich der aufgeräumte Schreibtisch glänzt, kurzum: Es war ein zumindest regenloser Freitag im September, eine Petitesse an sich, aber umso erfreulicher in diesen miesepetrigen Zeiten. Ab 9.13 Uhr brüllten sich Kunden und Kollegen pausenlos „Schönes Wochenende“ zu, die Sonne spiegelte sich im Monitor und der Kaffee kam mit Latte, tadellos also, thank God, it’s friday.

"Dabei wollte ich ja eigentlich nur arbeiten."Christian Bitter

Gegen zehn tropfte die Post ein; Rechnungen, Zeitungen, Einladungen und untendrunter vier bedrohlich aussehende braune Umschläge in behördlicher Manier. Damit nahm das Grauen seinen Anfang. Vodafone Germany überstellte zum dritten Mal den immer noch fehlerhaften Glasfaser-Business-Auftrag („Breitbandinitiative Landkreis Vechta, Blatt 1 von 7“), die Künstlersozialkasse überraschte für die künftige Beitragsfeststellung mit einem elfseitigen Papier zum Thema „Welche freien Künstler hat Ihre Agentur in den letzten 24 Monaten beauftragt und welches Honorar haben diese von Ihnen erhalten?“, das Finanzamt erinnerte an die (längst erledigte, aber offenbar verschollene) „Abgabe der Steueranmeldung 2019“, der Landesbetrieb für Kommunikationstechnologie Niedersachsen sandte ungefragt die Kennung und ein Passwort für die „Meldungen zur vierteljährlichen Verdienst­erhebung“.

Damit gehen gehorsame Diener ins Internet und füllen einen zwei Meter langen digitalen Fragebogen aus, meine Güte. Alle vier Schreiben lösten betriebsame Hektik und lautes Klagen aus. Bei Nichterledigung drohen schmerzliche Strafgelder, die Fristen verstreichen im Handumdrehen und am Ende sind ordentliche Untertanen verpflichtet, auf obrigkeitliche Fragen sofort und präzise Antwort zu geben. Dabei wollte ich ja eigentlich nur arbeiten. Das Statistische Bundesamt ergänzte dieser Tage seinen sorgsam gepflegten Bürokratiekostenindex um frische Zahlen aus dem ersten Halbjahr 2020. Demnach hat Deutschland im Vergleich zum Jahre 2012 einskommavier Prozent weniger Bürokram um die Ohren. In 71 Jahren wären wir also bei einer fröhlichen Null. Das wiederum legt den Trugschluss nahe: Man muss sich nur noch selbst verwalten. Der Rest fällt dann schon vom Himmel.


Zur Person:

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage Er studierte Germanistik und war Leiter der Werbe-Redaktion der OV.

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