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Osternacht bei McDonald's

Kolumne: Auf ein Wort – Für diese Familien ist die Osternacht etwas Besonderes. Dieses Mal wurde es aber ganz anders. Denn das Festessen zur Auferstehung Christi wurde ein ganz spezielles.

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Es waren 8 Familien, viele Kinder, etwa 40 Personen. Sie hatten sich in der Kirchengemeinde kennengelernt und einen Familienkreis ins Leben gerufen. Für die Familien war ein christlicher Lebensstil selbstverständlich. Es herrschte untereinander großes Vertrauen, man teilte die Nöte miteinander, man half sich gegenseitig, und der Gottesdienstbesuch am Sonntag war eher die Regel als die Ausnahme.

In diesem Kreis hatte sich eine besondere Tradition herausgebildet. Von Karfreitag bis zum Gottesdienst zur Osternacht wurde gefastet. Freiwillig. Die Kinder entschieden selbst, ob sie mitfasten wollten oder nicht. Fasten hieß für den Familienkreis, nur Wasser und trockenes Brot zu sich zunehmen.

Die Osternacht war jedes Jahr wieder ein Erlebnis

Dann traf man sich Karsamstag um 23 Uhr zum Gottesdienst der Osternacht. Es war jedes Jahr wieder ein Erlebnis. Die Entzündung der Osterkerze am Osterfeuer draußen, die anfangs dunkle Kirche, in die die Osterkerze hineingetragen wurde. Dann wurde das Licht der Osterkerze weitergereicht, alle trugen eine kleine Osterkerze in der Hand. Die Kirche wurde immer heller.

Die Osternacht sollte mit einem Festessen beschlossen werden. Der Familienkreis hatte einen Gastwirt gefunden, der bereit war, ihn nach dem Osternachtsgottesdienst, irgendwann zwischen 1 und 2 Uhr in der Nacht, mit Speisen und Getränken zu versorgen. Die Autos der Familien fuhren zur Gaststätte. Das Lokal war nicht beleuchtet. Die Fahrzeuge wurden auf dem Parkplatz abgestellt. Irgendwie erwarteten alle, gleich würde die Festbeleuchtung eingeschaltet und sie würden willkommen geheißen. Nichts! Es blieb dunkel. Der Wirt wurde aus dem Schlaf telefoniert und stotterte verlegen: „Ich habe euch total vergessen. Auch wenn ich jetzt kommen würde, es ist nichts vorbereitet. Es tut mir leid.“

"McDonald's und die Auferweckung Jesu Christi von den Toten in einem Atemzug?"Jörg Schlüter

Betroffenheit, Kopfschütteln und die berühmte Frage: „Was machen wir jetzt?“ Nach Hause fahren, jede Familie versorgt sich selbst? Nein, keine wirklich gute Lösung.

Dann hatte einer der Jugendlichen eine Idee. „Hat nicht McDonald's die ganze Nacht geöffnet?“ Smartphone gezückt, nachgeschaut, ja, tatsächlich. Die Kinder und Jugendlichen jubelten, einigen Eltern entgleisten dann doch die Gesichtszüge. Man konnte in ihren Augen die Frage lesen: McDonald's und die Auferweckung Jesu Christi von den Toten in einem Atemzug?

Warum eigentlich nicht? Hunger hatten sie alle. Die Besatzung der McDonald's-Filiale staunte erst und wurde dann hektisch. Es dauerte ein wenig, bis jeder seine Mahlzeit vor sich hatte. Das folgende Tischgebet war bei McDonald's auch eher die Seltenheit. Das Eis zum Nachtisch war die Krönung. Die Stimmung hatte sich gewandelt, aus der anfänglichen Enttäuschung war eine unglaubliche Lebendigkeit und Lebensfreude gewachsen? Wie lange sie zusammensaßen? Ich weiß es nicht.


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher.
  • Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.
  • Sie erreichen ihn an redaktion@om-medien.de.

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