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Opas Nervosität vor Wahlen

Kolumne: Auf ein Wort – Im September steht die Kommunalwahl an. Das weckt Erinnerungen an früher, als Großvater Schröer in der Lokalpolitik mitmischte.

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Bald dürfen wir wählen, uns einen Kandidaten aussuchen, der für uns demnächst im Rathaus sitzt. Ratssitzungen und das ganze Drumherum gehörten früher bei uns zu Hause dazu wie Fußball-Bundesliga, Gottesdienste und Sonntagsspaziergänge. Punkt 4 Uhr nachmittags konnte mein Vater die Arbeit im Geschäft ruhen lassen und ab ins Rathaus. Konnte kommen, was wollte, es gab ja unsere Mutter, die alles andere regelte.

Am Abend wurden die Sitzungen meistens in die Ortskneipe verlängert und wir lagen längst im Bett, wenn der Papa nach Hause kam. Schlimm war das für uns eigentlich nicht. Wir waren es gewohnt, dass die Eltern am Samstag nicht am Fußballfeld standen oder uns zum Training chauffierten. Das konnten wir alleine, wie alle unsere Kumpels auch. Opa hatte dann Zeit für all die wichtigen Telefonate, ob die Straße im Esch jetzt gebaut werden sollte, die Schule ein neues Dach bekommt oder die Fußballtribüne neue Sitze brauchte. Und Oma hielt ihm den Rücken frei, auch als er lange Zeit Fraktionsvorsitzender im Rat war – irgendwas Wichtiges, wie wir Kinder wussten.

"Nur alle paar Jahre wurde es hektisch im Haus, dann standen Wahlen an."Antonius Schröer

Nur alle paar Jahre wurde es hektisch im Haus, dann standen Wahlen an. Plakate an jeder Laterne mit Bildern der Kandidaten gab es noch nicht. Auch kein Facebook oder Instagram. Vielleicht mal ein paar Zettel, die wir in die Briefkästen geworfen haben. Opa wurde von Woche zu Woche nervöser und wir spürten irgendwie, großen Mist sollten wir jetzt lieber nicht mehr bauen und jeden im Ort freundlich grüßen. "Man draff sick nich tau sicher wän, dat man gewählt wird", hörten wir immer wieder.

Und die Ortsdörfer würden immer zusammenhalten und ihre Kandidaten sowieso in den Rat bekommen, egal wie schlecht sie wären. Es ging damals nicht um Schwarze, Rote, Grüne, Gelbe – die Schwarzen machten das Rennen unter sich aus. Bis aufs 1. Mal, als Opa noch ein junger Schnösel war und bei der Ratswahl durchfiel, ging es jahrzehntelang immer gut. Wenn Ratstelefonate anstanden, mussten wir still sein. "Mott man maoken för dei Gemeinde, dat is wichtig." Den Satz haben wir irgendwie nie angezweifelt, auch wenn wir alleine mit dem Rad zum Fußballspiel fuhren und Oma sich um unsere Hausaufgaben kümmerte.

Respekt vor den Kandidaten und dem ehrenamtlichen Engagement 

Menschen zu finden, die sich heute noch stundenlang ins Rathaus setzen, Akten studieren und ehrenamtlich mitarbeiten, sind nicht leicht zu finden, hört man überall. Und wenn dann noch blöde Bemerkungen kommen wie "Der will sich nur wichtig tun" oder "Macht er nur zum eigenen Vorteil", dann kann man nur mit dem Kopf schütteln. Ich habe hohen Respekt vor jedem Kandidaten, vor dem ehrenamtlichen Engagement und dem Risiko, nicht gewählt zu werden und den blöden Kommentaren danach. Wir dürfen in einer freien und sicheren Welt leben, das verdanken wir auch jedem einzelnen Kandidaten bei den Wahlen.

Und wenn die Räte es dann bald auch noch schaffen, die Sitzungen nicht mehr unendlich lang und nur nachmittags zu machen, dann können bei der nächsten Wahl auch noch mehr junge Mütter und Unternehmer kandidieren. Bitte geht alle wählen. Und stimmt auch für die Kandidaten im Stadt- und Ortskern, würde Opa sagen.


Zur Person:

  • Der Autor Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser. Er verkörpert das Vechtaer Original „Straßenfeger“.
  • Kontakt: redaktion@om-online.de

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