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Ohne Zuneigung gelingt keine gute Zucht

Brieftauben fordern den Besitzer das ganze Jahr. Ob der Züchter ein gutes Händchen bei der Auswahl der Eltern hatte, zeigt sich, wenn die Jungtiere auf Reise geschickt werden.

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Noch ein wenig verschlafen: Frisch geschlüpft sind diese Geschwister. Die Eltern hat der Züchter nach verschiedenen Kriterien ausgewählt. Foto: Thomas Vorwerk

Noch ein wenig verschlafen: Frisch geschlüpft sind diese Geschwister. Die Eltern hat der Züchter nach verschiedenen Kriterien ausgewählt. Foto: Thomas Vorwerk

Im Mai stehen die Brieftaubenzüchter wieder in ihren Gärten, den Blick in den Himmel gerichtet und bisweilen auch ungeduldig auf die Uhr. Wenn die ersten Preisflüge beginnen, dann haben die Tauben schon eine intensive Vorbereitungszeit hinter sich. Den Jungtieren, die im Januar geschlüpft sind, bleiben noch ein paar Monate, bis sie das erste Mal an einem Wettbewerb teilnehmen. Taubenzucht ist eine Aufgabe für das ganze Jahr und die Redaktion begleitet deshalb ein Jahr lang Züchter Bernd Michael Lüske aus Emstek.

Schon im Herbst macht sich der 49-Jährige Gedanken, welches Weibchen und welche Männchen er zum Schäferstündchen bittet. Und da gilt es, eine Menge zu beachten: Welche Paare haben vielleicht schon im vergangenen Jahr guten Nachwuchs gehabt? Welche Taube war besonders erfolgreich auf den bis zu 600 Kilometer langen Flügen? Passen die körperlichen Merkmale zueinander? „Viel entscheidender ist aber noch, ob sich die beiden mögen“, sagt der Züchter. „Das ist wie im richtigen Leben und man merkt es nach wenigen Sekunden. Da hilft kein Warten.“ Er versucht, Tauben zusammenzusetzen, die sich körperlich ähnlich sind. Darauf wird schon beim Zukaufen geachtet.

Bester Zeitpunkt zum Anpaaren ist im Dezember

Der beste Zeitpunkt für das Anpaaren ist im Dezember, damit die Jungen im neuen Jahr schlüpfen. Früher hat man sich teils bis zum März Zeit gelassen, doch der Termin wurde immer weiter nach vorne gelegt. „Dann sind die Tauben zu Reisebeginn 3 Monate älter, in der Entwicklung weiter und widerstandsfähiger.“ Ihre Flug-Saison geht von Juli bis September, aber wenn sie früh flügge werden, kommen sie auch früh in die Mauser und werfen Federn ab. An Preisflüge ist dann nicht zu denken. „Mit künstlichem Licht kann man den Zeitpunkt allerdings etwas regulieren, weil sich die Tauben prinzipiell an der Tageshelligkeit orientieren.“

Es sind sensible Tiere, die der Forschung in einigen Teilen bis heute noch Rätsel aufgeben. Das Größte davon: Wie finden sie überhaupt nach Hause? Dafür ist unter anderem das Magnetfeld der Erde verantwortlich und „nach neuesten Erkenntnissen spielt wohl auch der Geruchssinn eine Rolle. Zudem gibt es Untersuchungen, bei denen die Tiere mit GPS-Sender ausgestattet sind. Daher liegt die Vermutung nah, dass sie sich auch an optischen Punkten orientieren können“.

Nackte Zahlen und viel Erfahrung: Bernd Michael Lüske bei der Planung, welche Tauben er anpaaren wird. Foto: Thomas VorwerkNackte Zahlen und viel Erfahrung: Bernd Michael Lüske bei der Planung, welche Tauben er anpaaren wird. Foto: Thomas Vorwerk

Nach 18 bis 20 Tagen schlüpfen die Jungtiere. In jedem Nest liegen in der Regel 2 Eier und normalerweise sind es Bruder und Schwester, die sich den Weg durch die Schale freipicken. „Ich schicke allerdings nur Männchen. Von der Leistung ist es weitestgehend identisch, nur bei schlechter Witterung sind die Weibchen besser. Es ist am Ende eine reine Zeitfrage, weil sie jeden Abend trainiert werden müssen. Weibchen zu führen ist darüber hinaus eine völlig andere Art. Viele Kollegen schicken aber beides.“ Die Züchter stehen entsprechend im Kontakt und tauschen Männchen beziehungsweise Weibchen unter-
einander aus.

Wer Tauben schicken will, muss viel Zeit investieren

„Schicken“, so nennen die Taubenzüchter es, wenn sie die Tiere auf die Reise bringen. Dafür werden sie in einen speziellen Transporter gesetzt, der dann zum Auflassort fährt und alle Tauben werden gleichzeitig freigelassen. „Wenn sie dann am Sonntag nach 450 Kilometern Flug nach Hause kommen, das macht den Taubensport aus.“

Bis es so weit ist, vergehen aber noch einige Wochen. Sobald die Jungtiere fliegen können, drehen sie ihre ersten Runden um den heimischen Schlag. Sie werden an die Transportkisten gewöhnt und treten vom Emsteker Sportplatz aus ihre erste Heimreise an. Nur ein paar Hundert Meter sind es bis nach Hause, aber so lernen sie die neue Situation kennen. Später gibt es auch Trainingsflüge über längere Distanzen. „Bei gut 30 Kilometern ist für mich allerdings Schluss, sonst wird der Aufwand zu groß“, sagt der Verwaltungsfachangestellte.

Im Juli zeigt sich dann, ob er bei der Zucht-Wahl ein gutes Händchen hatte und die Jungtiere von ihrem ersten Flug mit schnellen Zeiten wieder in den Heimatschlag finden. Bernd Michael Lüske wird dann – wie schon im Mai – wieder seinen Blick in den Himmel gerichtet haben und vermutlich auch ein wenig ungeduldig regelmäßig auf die Uhr schauen.

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