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Nur Quarantäne kann diese Frau stoppen

Sprachlehrerin Irmgard Manno-Kortz (75) aus Cloppenburg wartet auf die Rückkehr zu VHS-"Schülern" und ihren Chinesen.

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Lesepause im Grünen: Eine freiwillige Quarantäne hat Irmgard Manno-Kortz ausgebremst. Sonst lehrt sie auch abends noch Englisch und Französisch und führt tagsüber  junge Leute auf Deutsch zum Schulabschluss. Foto: Kreke

Lesepause im Grünen: Eine freiwillige Quarantäne hat Irmgard Manno-Kortz ausgebremst. Sonst lehrt sie auch abends noch Englisch und Französisch und führt tagsüber junge Leute auf Deutsch zum Schulabschluss. Foto: Kreke

Mit 75 ist diese Frau noch immer zu jung für den Ruhestand: Irmgard Manno-Kortz plaudert in englischen Konversation-Runden und mit Flüchtlingen aus Afghanistan so munter wie mit Freunden der französischen Literatur – nicht nur zum Spaß, sondern im Auftrag der Volkshochschule. Die Cloppenburgerin ist die älteste Dozentin und eine der redegewandtesten dazu. Englisch hat sie nie studiert, beherrscht die Sprache aber perfekt, genauso wie ihre angestammten Lehrfächer Deutsch und Französisch.

Als die BBS Friesoythe die Lehrerin vor 10 Jahren in den vermeintlichen Ruhestand verabschiedete, „war‘s mir sehr schnell sehr langweilig“, erzählt die 75-Jährige. Sie schnupperte in Nachhilfe-Institute hinein, blieb aber bei der VHS hängen.   Schulabbrechern und Nachzüglern verhalf Manno-Kortz im zweiten Anlauf zum Hauptschulabschluss und der Mittleren Reife. Als „Feuerwehrfrau“ sprang sie immer dort ein, wo „Not an der Frau“ herrschte. Inzwischen ist Manno-Kortz aus dieser Aufgabe ausgestiegen nicht, weil ihr so viel Flexibilität zu viel wurde. „Dafür bin ich zu alt. Die müssen mich ja für ihre Großmutter halten“, erklärt sie lachend.

Als Englisch-Lehrerin ausfiel, trat 75-Jährige vom Rücktritt zurück

Lange hielt diese Einschätzung allerdings nicht. Als im aktuellen Realschul-Kursus die Englisch-Lehrerin ausfiel, „hab‘ ich mich breitschlagen lassen einzuspringen“, erzählt Manno-Kortz. Nur der positive Corona-Test einer Schülerin letzte Woche bremste ihren Schwung: Die sprachbegabte Seniorin ist (wie alle anderen Lehrkräfte) inzwischen zweimal negativ getestet worden, hat sich jedoch auf Wunsch der VHS-Leitung in freiwillige Quarantäne (ohne Anweisung des Gesundheitsamtes) begeben. „Ich finde das richtig gut, dass die Volkshochschule auf Nummer sicher geht“, sagt sie, auch wenn jetzt zu Hause die Langeweile wieder aufkommt.

Da helfen im Moment nur dicke Überraschungspakete aus dem Buchhandel. Lesen ist ihre Lust, „alles querbeet“. Wer Empfehlungen sucht, wird von der Cloppenburgerin mit Tipps gratis versorgt und mitunter auch mit Leih-Exemplaren.

Am meisten vermisst Manno-Kortz „ihre“ Gruppen, zum Beispiel die Französisch-Runde. „Das sind gebildete Menschen, die sich über Literatur ausgetauscht haben.“ Natürlich auf Französisch. Die Treffen sind dem Virus zum Opfer gefallen, denn „die mochten das nicht per Zoom“, berichtet sie.

Eine ihrer Englisch-Runden pausiert seit dem vergangenen Jahr aus dem selben Grund: „Die sind hinterher zusammen Kaffeetrinken gegangen und haben sich richtig angefreundet“, erzählt die 75-Jährige.

„Ich kann niemanden zwingen, mir seine Wohnung zu zeigen.“Irmgard Manno-Kortz

Auch Manno-Kortz fehlt die persönliche Begegnung, der echte Austausch ohne Maus und Monitor. Im Kursus zur Vorbereitung des Realschulabschlusses hat sie einige der Teilnehmenden erst nach Wochen bei einem Präsenztreffen zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. „Einige haben nie ihre Kamera eingeschaltet“, berichtet sie. Ob ihr das nicht merkwürdig vorkomme? Die Lehrerin wehrt mit Nachdruck ab: „Ich kann und will doch niemanden zwingen, mir sein Wohnzimmer zu zeigen“, sagt sie lebhaft: „Das ist völlig in Ordnung.“ Inzwischen kann sie alle Gesichter mit den Noten zuvor und den Geschichten dahinter in Verbindung bringen: „Das macht es leichter.“

Schulabschlüsse - das ist Arbeit, die Konversation am Abend - das ist ihr „privates Vergnügen“. „Die sprechen so gut, da muss ich fast nichts machen“, räumt die Lehrerin ein, die sich aufs Moderieren beschränken kann. Dennoch schafften die Abende echte Erlebnisse, etwa wenn in Cloppenburg lebende Deutsch-Amerikaner eine kleine Konferenz über den Atlantik organisierten oder sogar Verwandtenbesuch live mit zum Treffen brachten.

Chinesen lassen ihre Arbeit in Cloppenburg Korrektur lesen

Dabei hätte sie um ein Haar ihren Beruf „verpasst“. Eigentlich wollte die junge Cloppenburgerin nach dem Abitur am Artland-Gymnasium in Quakenbrück Sprachen studieren, um als Dolmetscherin zu arbeiten. Doch ihr Onkel riet zur Lehrerin-Karriere: Mehr Sicherheit durch Festanstellung und Pension. Im Rückblick betrachtet würde sich die 75-Jährige heute für vergleichende Sprachwissenschaften entscheiden

In eine fast exotische Herausforderung ist die Pensionärin durch eine Freundin in Essen/Ruhr hineingerutscht: Als Lektorin redigiert sie die auf Deutsch verfassten Bachelor-Arbeiten chinesischer Studenten, die an einer Fachhochschule Betriebswirtschaftslehre studiert haben. „Die letzten zwei Exemplare sind mir direkt aus China geschickt worden“, erzählt sie. Die Korrektur dauert mitunter „sehr lange“, sagt sie: „Manchmal muss ich ganze Sätze umbauen oder nachfragen, was das eigentlich bedeuten soll.“ Einzige Erleichterung: Die Notengebung bleibt Manno-Kortz erspart.

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