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Nur die Liebe zählt

Kolumne: Auf ein Wort – Es ist die Geschichte eines Mannes mit vielen Problemen. Aber er schöpft wieder Hoffnung. Die Liebe hat sie ihm gegeben.

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Wir sind Menschen, die fragen und suchen, Menschen voller Sehnsucht.

Mit gebeugtem Oberkörper schlurft er am Krankenhaus vorbei. Wir kennen uns. Aber wann kennt man einen Menschen wirklich? Schon von Weitem ist wahrzunehmen, dass das Leben ihm eine Last nach der anderen auferlegt hat. Dass er zu kämpfen hat, dieses Leben zu tragen, zu ertragen. Wie lange geht das wohl schon so? Wie lange wird er noch die Kraft haben?

Ich gehe auf ihn zu und grüße ihn. Ein müdes Lächeln des Erkennens huscht über seine Lippen, um gleich darauf wieder zu verlöschen. Er versteckt sich nicht, will mir nichts vormachen, springt nicht auf den Zug des tausendfachen Lügenspiels: "Hey, mir geht's gut." Außen das Lächeln und innen die Depression!

Die Frage "Wie geht's?" ist oft unüberlegt

Und dann meine Frage, über die ich mich immer ärgere, wenn sie unüberlegt herausschießt: "Wie geht's?" Seine Augen schauen mich an, als wollte er fragen: "Bist du blind? Siehst du nicht, dass ich das schleichende Elend bin?"

Ich will meinen Fehler gutmachen, frage, ob ich etwas für ihn tun könne ... "Nein, mir ist nicht mehr zu helfen. Andere werden vom Himmel geküsst, mich hat er vergessen. Jetzt muss ich auch noch aus meiner Wohnung raus, ach, ... eine Scheiße ist das!" Er schaut mich an, eine tiefe Resignation legt sich über seine Stimme, als er sagt: "Ich hab' jetzt keine Lust, mit Ihnen darüber zu reden."

Er gibt mir die Hand, "Tschüss". Ich möchte ihn aufhalten, aber er lässt sich nicht aufhalten. Unsere Wege trennen sich. Nur räumlich. Gedanklich bin ich noch bei ihm. Seine Konturen werden schwächer. Wir sehen uns lange nicht mehr.

"Die Liebe weckt die Kraft, die in jedem von uns wohnt."Jörg Schlüter

Ich stehe in einem Einkaufszentrum an der Käsetheke, das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Da haut mir jemand auf die Schulter. Ein wenig zu heftig, ich drehe mich unwirsch um.

Er! Und er lacht und seine Augen strahlen mich an und sein Gesichtsausdruck fragt mich: "Na, erkennen Sie mich noch wieder? Das hätten Sie wohl nicht gedacht, stimmt's?" Nein, nach unserer letzten Begegnung ihn so froh zu sehen, das hätte ich in der Tat nicht gedacht.

Er war nicht zu bremsen. Eine neue Wohnung habe er zwar immer noch nicht, aber das sähe er jetzt etwas gelassener. "Ich habe ein Mädchen kennengelernt, so etwas Süßes, Sie glauben es nicht. Und sie liebt mich, wirklich. Ist das nicht fantastisch? Ach, das ist nicht nur fantastisch, das ist ein Wunder! Ich kann ihr nichts bieten, weil ich nichts habe, aber sie liebt mich. Ich könnte die ganze Welt umarmen. Schön, dass ich Sie getroffen habe, ich kann nicht aufhören, davon zu erzählen!" Wes das Herz voll, des geht der Mund über.

Ich gehe nachdenklich zu meinem Auto auf dem Parkplatz. Die Liebe löst nicht alle Probleme und Schwierigkeiten, bei ihm ja auch nicht. Die neue Wohnung muss er immer noch finden. Aber die Liebe, die wir erfahren, lässt die Dinge des Lebens in einem anderen Licht erscheinen. Sie weckt die Kraft, die in jedem von uns wohnt. Die Kraft, die nicht aufhört, zu hoffen und zu suchen und zu finden.


Zur Person

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher. Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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