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Not und Salz, Gott erhalt’s

Kolumne: Das ganz normale Leben – Autor Christian ärgert sich. Er hat nicht vorgesorgt und muss teures Streusalz an der Tanke kaufen. Das Geschäft ist ein Lehrstück in Sachen Marktwirtschaft.

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Am Montagmorgen wurde mir ungefragt eine halbe Lehrstunde im Nebenfach Lockdownische Marktwirtschaft zuteil. „Nimmste den Sack jetzt oder was?“, fragte der Tankwart am Ende und zog die Nase hoch. „Weniger als halbe Zentner hammwernich.“

Nun, es geschah mir recht und war allein meine Schuld. Ich hatte die ausnahmsweise ziemlich präzisen Wettervorhersagen großzügig ignoriert und das letzte Mal im Jänner 2017 ein Fuder Streusalz konsumiert, ich Vollpfosten. Da war nun Not am Manne, die alte Ware klumpte schon, es musste zwingend was neues her. Doch wenn eben alle glauben, der Klimawandel würde sowieso gar keine Flocken mehr zulassen, wenn der Schnee trotzdem hoch genug liegt und ansonsten kein Händler mehr Salz anbietet, kostet das 25-Kilo-Gebinde zur Strafe fünfzehn Euro neunzig, Gott schütze die deutsche Tankstelle.


"Sind Waren knapp, werden die Preise angezogen. Diese marktwirtschaftliche Binse ist so alt wie die Menschheit"Christian Bitter

Ich tat Buße, zahlte bar und stemmte den Sack knurrend ins Auto. 50 Pfund Winterstreu dürften für die nächsten 10 Jahre reichen, immerhin. Was muss man auch im Lockdown-Februar durch die Gegend juckeln, um umweltfeindliches Streusalz zu erheischen? Ordentliche Leute tun das Anfang November in Vorbeuge, gehen in den Fachhandel und kaufen dort gut und günstig – für knapp sieben Euro, habe ich mir sagen lassen, mit blauem Engel ein paar Kreuzer mehr, was soll’s. Doch wer ist schon ordentlicher Leut?

Die Lösung? Ein schier unerschöpflicher Vorrat!

Sind Waren knapp, werden die Preise angezogen. Diese marktwirtschaftliche Binse ist so alt wie die Menschheit und gilt im Prinzip auf allen Märkten. Wohnraum in Vechta etwa ist heute knapp und fast so teuer wie in Oldenburg, chinesische FFP2-Masken im Wert von elf Cent kosten gerade einsfünfzig und für einen Herrenhaarfassonschnitt gäbe ich zur Stunde 150 Euro.  Gut, dass ich noch drei Liter Seborin (Haarwasser, Anmerkung der Redaktion) im Schrank liegen habe.

Der gute Vorsatz fürs nächste Jahr wäre in meinem Falle eben dieser: Ich bestelle mir Anfang Mai im Internet eine Tonne „original alternatives Auftaumittel auf der Basis von Kalium- und Natriumformiat, beides Bestandteile der Ameisensäure“. Das wäre viel nachhaltiger, mit Sicherheit spottbillig und auf Dauer ein schier unerschöpflicher Einfamilienhaus-Vorrat, den man auch vererben könnte, die Nachkommen werden es mir danken. Nur: Wo lagere ich die Tonne ein? Wer fegt den Mist im Frühling wieder weg? Und wer entsorgt das ganze Zeug anschließend als Sondermüll?

Gut, dass bald der Sommer kommt.


Zur Person:

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage.

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