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Nordamerika – gelobtes Land oder der Weg ins Elend?

Den Lohner Vogt Carl Heinrich Nieberding treibt die Auswanderungswelle seiner Landsleute um. Im Amt Vechta verminderte sie die Einwohnerzahl zwischen 1830 und 1890 im Schnitt um 31,2 Prozent.

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Das Auswandererdenkmal in Bremerhaven erinnert daran, dass zwischen 1830 und 1870 mehr als 7,2 Millionen Europäer über Bremerhaven nach Amerika ausgewandert sind. Das 1986 von Frank Varga geschaffene Denkmal steht am Seebäderkaje. Foto: Dräger

Das Auswandererdenkmal in Bremerhaven erinnert daran, dass zwischen 1830 und 1870 mehr als 7,2 Millionen Europäer über Bremerhaven nach Amerika ausgewandert sind. Das 1986 von Frank Varga geschaffene Denkmal steht am Seebäderkaje. Foto: Dräger

„Wolle Gott, dass ich mich irre!“, so schließt der Lohner Vogt Carl Heinrich Nieberding am 14.02.1832 seinen Artikel in den Oldenburgischen Blättern. Worum geht es in seinen Ausführungen, die mit einem so flehenden Stoßgebet enden? Der Regionalhistoriker C.H. Nieberding, der sich in vielen Fachaufsätzen wie im „Sonntagsblatt für alle Stände“ und vor allen in den Oldenburgischen Blätter zu vielen Themen zu Worte meldet, mischt sich hier in eine für die Zeit äußerst brisante und kontrovers geführte öffentliche Debatte ein. Zugespitzt, polarisiert geht es um die Frage „Amerika, das gelobte Land oder der Weg ins Elend?“, und Nieberding hofft, dass er sich in seiner düsteren Prognose irre.

Nieberding beklagt, dass durch die Auswanderung dem Land mehr Menschen geraubt würden als durch die Cholera. Der Heimat gehe durch die Auswanderung erhebliches Kapital verloren. Besorgniserregend findet er, dass gerade die Fleißigsten zur Auswanderung neigten. Er resümiert: „Alles spricht von Nord-Amerika […] Die Heuerleute sind die ersten, auf welche die Auswanderungslust wirkt; aber auch Neubauern, welche ihre vor einigen Jahren erlangten Etablissements mit vielem Fleiß in Cultur gebracht haben, fangen schon an, diese veräußern, jenseits des Meeres große Etablissements suchen, und daran von neuem ihren Fleiß versuchen zu wollen.“

Ein Porträt von Vogt Carl Heinrich Nieberding. Foto: Stadtmedienarchiv im Heimatverein LohneEin Porträt von Vogt Carl Heinrich Nieberding. Foto: Stadtmedienarchiv im Heimatverein Lohne

Verantwortlich macht er Briefe aus Amerika, in denen in schönsten Farben die Aussichten im gelobten Land unkritisch dargestellt würden als „goldene Berge“. Nieberding kennt die Argumente, die für die Auswanderung sprechen, und zählt auf: keine Hörigkeit, kein Frondienst, keine Abgaben wie den Zehnten, so gut wie keine Grundsteuern, keinen Militärzwang, wenige, und dafür verständliche Gesetze und keine „ängstlichen Confessionsbeschränkungen“ und vor allem die Möglichkeit des günstigen Landerwerbs. In der Heimat sieht Nieberding die Einschränkung der Nebenverdienste ohne Aussicht auf Besserung. Deshalb stellt er resigniert fest: „wer mag es dann dem so viel Geplagten verargen, wenn er das Äußerste wagt, wenn er mit blutendem Herzen das geliebte Vaterland verlässt und in der weiten Ferne ein milderes Schicksal für sich und die Seinen sucht.“ (18. April 1832).

Dem hält er die Kosten und die Gefahren der Seereise entgegen, die Möglichkeit, dass die Familie beim Tod des Familienvaters in größte existenzielle Nöte geraten könne, die Schwierigkeiten, Obdach und den Unterhalt für das erste Jahr zu finden, die Probleme mit einer unbekannten Sprache und mit fremden Sitten und unvertrauter Kultur. Viele Zeitgenossen, welche die Position Nieberdings stützen, verweisen zusätzlich auf das ungesunde Klima mit schweren Krankheitsgefahren, die Möglichkeit von vielerlei Seiten betrogen zu werden, so dass viele Auswanderer verarmt sich nach der Heimat sehnten, aber für die Rückreise das Geld fehle.

Dem stehen Reise- und Zeitzeugenberichte entgegen und direkte Erwiderungen, in denen Nieberdings Position als „Unverschämtheit“ angegangen wird. Deren Resümee lautet: „dass der einigermaßen bemittelte Auswanderer, wenn er sonst Tätigkeit und Ordnung in seinem Handeln beweist, ein recht glücklicher Mann werden kann statt dessen er mit diesen Mitteln in seinem Vaterlande meist kümmerlich leben muss. Die anfänglichen Entbehrungen und ersten sauren Lebensjahre sind bei gehöriger Vorsicht nicht grösser, als er sich oft in seiner Heimat für die ganze Lebenszeit gefallen lassen muss. Die Früchte seiner Bemühungen bestehen dann nicht allein darin, dass er sich am Ende gut ernähren und kleiden […], sondern auch, dass er ein vermögender Mann genannt werden kann.“

Im 19. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung enorm – die Auswanderung war ein Ventil

Mittlerweile hat sich die historische Forschung intensiv mit der Thematik der Auswanderung und mit den Auswirkungen für die Region beschäftigt. So stellt Bernd Brunner in „Nach Amerika, Die Geschichte der deutschen Auswanderung“, München 2017, für Deutschland als wesentliche Ursache der Auswanderung die Steigerung der Bevölkerung im 19. Jahrhundert von knapp 25 auf circa 65 Millionen Einwohnern dar, womit als Ventil die Massenauswanderung gegeben war, der „Stern der Rettung“. Im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft sind in den einhundert Jahren von 1815 bis 1914 circa 40 Millionen Menschen von Europa nach Amerika ausgewandert, davon etwa sieben Millionen Deutsche. Für das Amt Vechta bedeutete es im Schnitt die Verminderung der Einwohnerzahl zwischen 1830 und 1890 von 31,2 Prozent. Lohne hatte im Jahr 1895 mit 4.558 Einwohner noch nicht wieder den Stand von 1837 mit 4.720 Einwohnern erreicht, trotz hoher Geburtenraten. Die von Nieberding angesprochene Auswanderungswelle stand 1832 somit erst an ihrem Anfang. Das zeigen in den Folgejahren die vielen Anzeigen in den Tageszeitungen. Dort wird zuhauf der Verkauf von Mobiliar, Ackergerät oder Ernte wegen der Absicht der Auswanderung annonciert. Makler bieten sich für die Abwicklung von Haushaltsauflösungen an und für die Bestellung der Schiffspassage, vornehmlich von Bremerhaven aus.

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