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Nichtwissen macht nichts

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Wissen ist Macht. Aber was, wenn diese Macht niemand will? Dann wird es schwierig für Fortschritte im Tal der Ahnungslosen.

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In Holdorf dürsten die Bäume. Die Mehrheit im Kreisumweltausschuss findet, dass ihn das nichts angeht, weil er ja sowieso nichts machen kann. Zumindest was die Wasserentnahme angeht, die offenbar zum Leid der Bäume wesentlich beiträgt.

Die Mehrheit dieses Ausschusses möchte auch lieber nicht so genau wissen, woran es liegt. Ok, man könnte mal den Wasserverband fragen, aber der hat ja seine Fördermengen schon um ein paar Liter reduziert. Also, alles gut.

Dass ein Gutachten, das Anwohner auf Eigeninitiative in Auftrag gegeben haben, zu einem anderen Ergebnis kommt: „Ja gut, aber was können wir da machen?“, fragen die Kreispolitiker und gehen zum nächsten Tagesordnungspunkt über.

"Nichtwissen ist in jedem Fall günstiger. Nichts zu ahnen wird meist teuer – zumindest für andere."Stefan Freiwald

Es ist oft besser, nicht zu viel zu wissen. Wenn wir uns zum Beispiel zu genau damit befassen würden, wie viele Treibhausgase die Blechlawine, die sich morgens durch Vechta schiebt, verursacht, würden wir möglicherweise genauso einen Schock kriegen, wie die Holdorfer um ihrer Bäume. Möglicherweise käme dann jemand auf die Idee, den Verkehr aus der Stadt zu verbannen oder zumindest einen Teil davon oder wenigstens vorübergehend. Oh je, nicht auszudenken.

Oder wenn wir wüssten, wie viele Menschen mit Kindern in ein Neubaugebiet wie im Vechtaer Stadtteil Oythe ziehen, müsste die Stadt möglicherweise frühzeitig noch eine Schule erweitern, den Kindergarten und noch ein oder zwei Fußgängerampeln bauen. Was das kostet! Dann warten wir lieber, bis die Kinder groß sind, bevor wir damit anfangen.

Also, Nichtwissen ist in jedem Fall günstiger. Nichts zu ahnen wird meist teuer – zumindest für andere. Wer hätte ahnen können, dass die Mineralölkonzerne die Senkung der Spritsteuer nicht weitergeben, sondern lieber einen großen Teil davon in die eigene Tasche stecken? Zum einen zahlt das ja der Steuerzahler, zum anderen der Autofahrer. Der Finanzminister gibt das Geld nur aus, in guter Absicht, nichtsahnend und ahnungslos, dass es profitgierige Konzerne gibt.

"Geben Sie das viele Geld, das Sie nicht haben, besser gleich aus. Noch sind die Zinsen einigermaßen niedrig."Stefan Freiwald

Ahnen Sie schon, was noch alles teurer wird? Richtig, das Bier auf dem Stoppelmarkt. 2 Euro, 2,50 Euro, 3 Euro für ein kleines Gläschen? Das sollten Sie vorausahnen und vorher besser einen nicht zu klein bemessenen Kredit bei Ihrer Bank aufnehmen. Denn nüchtern nach Hause gehen ist ja auch keine Alternative. Geben Sie das viele Geld, das Sie nicht haben, besser gleich aus. Noch sind die Zinsen einigermaßen niedrig. Und nächstes Jahr liegt das Glas Bier bei dieser hohen Inflationsrate bestimmt bei 15 Euro.

Sie ahnen es, alles wird immer noch teurer. Wobei wir wieder bei den durstigen Bäumen in Holdorf wären. Der Zusammenhang ist offensichtlich. Wenn das Bier teurer wird, wird weniger getrunken, dann benötigen die Brauereien nicht so viel Brunnenwasser, es bliebe mehr für die Bäume. Aber das liegt nicht im Zuständigkeitsbereich des Landkreises, der ja sowieso von nichts weiß.

Wissen ist Macht, Nichtwissen macht nichts. Also müssen wir Verbraucher alles vorausahnen, was Politiker nicht wissen können oder konnten. Sonst sterben die Bäume und – Sie ahnen es – wir sind immer noch nüchtern.

Zur Person

  • Stefan Freiwald (49) ist Redakteur und betreibt ein Büro für Journalismus, PR & Nachhaltigkeit in Vechta. Er lebt mit seiner Familie in Oythe.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an redaktion@om-medien.de.

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