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Nicht den Mut verlieren

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Gerade jetzt ist es wichtig, nicht den Mut zu verlieren und das Leben wertzuschätzen. Und das "in" allen Sinnen des Wortes – ob alt oder neu.

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Seuche. Krieg. Inflation. Schrecken wie aus alter Zeit sind über uns gekommen. Unerwartet. Wir waren nicht darauf vorbereitet. Jetzt dürfen wir nicht den Mut verlieren.

Mut ist ein uraltes Wort, das freilich seinen Sinn verwandelt hat – wie auch das Wort Sinn, das ursprünglich Weg bedeutete. Sinn war schon immer eher Prozess als Standpunkt. Und Mut, in alten Zeiten "muot" geschrieben, bedeutete im Alt- und Mittelhochdeutschen nicht Kühnheit oder Wagemut, sondern Sehnen, Begehren, innere Haltung und Gestimmtheit – wie noch das heutige englische "mood" (Stimmung).

Selbst mit dem Wort Seele kann man muot übersetzen. Das kann man an den zahlreichen Worten erkennen, die die Silbe Mut beinhalten, wie Anmut, Demut, Gemüt, Großmut, Hochmut, Sanftmut, Wehmut oder Wankelmut. Muot meinte das Gemüt eines Menschen und wie ihm zumute ist. „Verliere nicht den Mut!“ bedeutete darum nicht nur: „Lass dich nicht von deinen Ängsten überwältigen!“ Es bedeutet auch: „Verliere nicht deine Seele, deine Haltung und Überzeugung. Bleibe dir selbst treu!“

„Eine Ableitung des Wortes Mut ist ganz aus der Alltagssprache entschwunden: muten“Heinrich Dickerhoff

Wie das Wort Mut bewahren auch die davon abgeleiteten Worte alte Lebensweisheit. Anmut, lateinisch gratia, Grazie, meint die Leichtigkeit, die Menschen haben, die nicht alles und vor allem sich selbst nicht zu schwer nehmen. Demut ist nicht Unterwürfigkeit und Kriecherei, sondern die ritterliche Haltung der Dienstbereitschaft, die Bereitschaft zum Engagement. Gemütlichkeit meint nicht miefige Behaglichkeit, sondern entsteht wie von selbst, wo wir uns zuhause fühlen und ganz bei uns sind. Großmut ist innere Weite und Wehmut nicht weinerliches Selbstmitleid, sondern die bittersüße Gewissheit, dass wir nichts festhalten können.

Eine Ableitung des Wortes Mut ist ganz aus der Alltagssprache entschwunden: muten. Ich habe das alte Wort zum ersten Mal von einem Wünschelrutengänger gehört, der so das Aufspüren des in der Tiefe Verborgenen nannte. Ob das mit Wünschelruten funktioniert, weiß ich nicht. Aber mir gefällt das Wort muten. Aufspüren, was unter der Oberfläche ist, Kraftquellen und Sinn-Reserven, die in der Welt verborgen sind oder auch in mir. Joseph von Eichendorff, ein Dichter der Romantik, schrieb eines der schönsten und kürzesten deutschen Gedichte, es heißt Wünschelrute: Schläft ein Lied in allen Dingen,/ die da träumen fort und fort, /und die Welt hebt an zu singen,/ triffst du nur das Zauberwort. Also: nicht den Mut verlieren, gerade jetzt nicht, Haltung bewahren und trotz all der berechtigten Sorgen die oft verborgene Kostbarkeit des Lebens aufspüren und muten!


Zur Person:

  • Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent.
  • Er wohnt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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