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Neue Identität durch alte Sprache?

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Die Entwicklung des Plattdeutschen ist im OM durchwachsen. Aber sie stiftet Identität und fördert kognitive Entwicklungen.

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Vor Kurzem habe ich in einer netten Frühstücksrunde mit Gleichaltrigen über unsere Grundschulerlebnisse gesprochen. Einige erzählten, dass ihre Eltern mit ihnen vor der Einschulung nur Plattdeutsch gesprochen haben. Sie hätten das nie als Manko empfunden und deswegen in der Schule auch keine Schwierigkeiten gehabt.

Es gab aber auch ganz andere Fälle. Da wurde in den Elternhäusern bewusst nur Hochdeutsch gesprochen. Auch die mit im Haushalt lebenden Großeltern wurden dazu angehalten, genauso zu verfahren. Dabei war in den 1960er Jahren im Oldenburger Münsterland Plattdeutsch noch weitestgehend Umgangssprache. Auf dem Land sowieso! Warum dann also diese Beschneidung der sprachlichen Entwicklung ihrer Sprösslinge? Die besorgten Eltern wollten dadurch ihren Kindern den Start ins Schulleben erleichtern. Ein möglichst einwandfreies Hochdeutsch würde Vorteile im Deutschunterricht bringen. Davon waren sie fest überzeugt. Verkörperte das Plattdeutsche doch vielfach nur noch das Alte und Überholte. Zeigte man damit nicht auch einen niedrigeren, sozialen Status an, wenn man es sprach? Dem wollte man sich keinesfalls aussetzen. Die Kinder sollten es mal besser haben!

Mein Mann und ich haben diese Zwänge nie kennengelernt. Wir sind sozusagen zweisprachig aufgewachsen und damit gut gefahren. Während mir Oma das Plattdeutsche beigebracht hat, war bei ihm die Schneiderwerkstatt seines Vaters das Sprachlabor. Dort hatte Johann Kontakt zu Kunden, die Platt oder Hochdeutsch sprachen. Und so erlernte er beide Sprachen spielerisch im frühesten Kindesalter. Das hat bis heute den Vorteil, dass er problemlos abrupt von einer in die andere wechseln kann.

"Sprache ist aber auch ein prägender Teil unserer kulturellen Identität"Elisabeth Schlömer

Für Entwicklungsberater ist das nichts Neues. Kleinkinder bis zu 4 Jahren tun sich leicht damit, neue Sprachen und Dialekte zu erlernen. Und das ist auch noch positiv für die kognitive Entwicklung. Die früheren Befürchtungen besorgter Eltern waren also völlig unbegründet!

Sprache ist aber auch ein prägender Teil unserer kulturellen Identität. Das ist mir vor 3 Wochen nochmal klar geworden, als die „Kultourfahrt der Macher – zu jung um alt zu sein“ ins Saterland im nördlichen Teil des Landkreises Cloppenburg führte . Die Gästeführerin begrüßte uns auf Saterfriesisch, einer eigenen Sprache, die wegen der früheren isolierten Lage im Moor nur hier gesprochen wird. Fast wäre sie ausgestorben und damit eine der kleinsten Sprachinseln Europas erloschen. Eine neue Identitätsfindung hat aber dazu geführt, dass sie wieder im Kindergarten und in der Schule erlernt wird. So werden 2 Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Kulturelles Erbe wird bewahrt und der örtliche Zusammenhang gestärkt.

Das können wir in diesen schwierigen Zeiten sicherlich überall gut gebrauchen. Und als Ersatz für Saterfriesisch: “Schnack maol wedder Platt”! Wäre das nicht auch etwas für Sie?


Zur Person:

  • Elisabeth Schlömer wohnt in Cloppenburg.
  • Sie war Leiterin des Ludgerus-Werkes Lohne bis zu ihrem Ruhestand 2019.
  • Momentan ist sie ehrenamtlich tätig bei den „Machern – zu jung um alt zu sein“ und beim SKF Cloppenburg.
  • Die Autorin erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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