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Nachbarn aus der Ahornstraße singen munter weiter

Stadt Vechta würdigt das Engagement von Bürgern und Organisationen in der Corona-Krise. Es sind Beispiele für Menschlichkeit, Solidarität und Tatkraft.

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Blumen, Urkunden und Einkaufsgutscheine: Bürgermeister Kristian Kater würdigte im Beisein von Ratsvertretern das ehrenamtliche Engagement in der Corona-Krise. Die Personen und Organisationen wurden auf Vorschlag aus der Bevölkerung geehrt. Foto: Speckmann

Blumen, Urkunden und Einkaufsgutscheine: Bürgermeister Kristian Kater würdigte im Beisein von Ratsvertretern das ehrenamtliche Engagement in der Corona-Krise. Die Personen und Organisationen wurden auf Vorschlag aus der Bevölkerung geehrt. Foto: Speckmann

Die Nachbarn aus der Ahornstraße treffen sich seit dem Lockdown im März 2020 regelmäßig zum Singen unter freiem Himmel. Große Anlaufzeit braucht es nicht, wie ihr Besuch am Mittwochabend im Vechtaer Rathaus zeigt. Ganz spontan erklingt ein Ständchen für den Bürgermeister, der gerade zum vierten Mal Vater geworden ist. Aber die Geburt des Töchterchens ist nicht der Grund für ihr Kommen. Die Nachbarschaft und weitere Bürger sind erschienen, um für ihr Engagement in der Corona-Krise geehrt zu werden.

Die Stadt Vechta hatte bereits im Herbst vergangenen Jahres einen Aufruf an die Bevölkerung gestartet, Personen oder Gruppen für eine Ehrung vorzuschlagen, die sich durch ihr Handeln in der Pandemie besonders hervorgetan haben. Die Würdigung der Vorschläge sollte schon vor einigen Monaten erfolgen, wurde jedoch wegen der langwierigen Beschränkungen erst jetzt nachgeholt.

„Die Corona-Pandemie hat den Menschen in unserer Stadt viel abverlangt. Aber wir haben in dieser Zeit auch viel Menschlichkeit, Solidarität und Tatkraft erlebt“, erklärte Bürgermeister Kristian Kater (SPD) in seinem Grußwort. Er erinnerte daran, dass ehrenamtliche Kräfte spontan ihre Hilfe angeboten hätten und in die Bresche gesprungen seien, als der Staat noch nicht so weit gewesen sei.

Vechtaer nähen zehntausende Schutzmasken

Ein großes Problem war zunächst das mangelnde Angebot an Schutzausrüstung. Regina Nagel zögerte nicht lang, um Verwandte, Freunde und soziale Einrichtungen mit selbst genähten Masken zu versorgen: „Ich habe alles genommen, was an Baumwollstoffen vorhanden war. Hauptsache, es kostete kein Geld“, erzählte die Vechtaerin. Unterm Strich seien es wohl 3000 Stück gewesen.

Auch Helga Bothe setzte sich in ihrer Freizeit an die Nähmaschine. Sie unterstützte eine Aktion des Landes-Caritasverbandes für Oldenburg und nahm nun stellvertretend für die etwa 40 Helfer aus Vechta und Umgebung die verdiente Auszeichnung entgegen. Sie hätten innerhalb kürzester Zeit etwa 60.000 Masken hergestellt und damit Einrichtungen und Bürger in der Region versorgt, bilanzierte die Vechtaerin.

Die Junge Union hatte sich an dem bundesweiten Projekt „Einkaufshelden“ beteiligt und für überwiegend ältere Menschen im Landkreis Vechta unzählige Einkäufe getätigt. „Die Leute waren total dankbar“, freute sich der stellvertretende Kreisvorsitzende Tim Dorniak über die Resonanz. In den Spitzenzeiten seien etwa 60 Helfer im Einsatz gewesen. Sogar in diesem Jahr habe es noch vereinzelte Anfragen aus der Bevölkerung gegeben.

Aber es bedarf nicht immer einer großen Organisation, um Gutes zu tun. Oftmals sind es auch Hilfen, die sich nur von Mensch zu Mensch abspielen. So, wie bei Dagmar Seeger, die sich in der Pandemie liebevoll um eine erkrankte ältere Frau gekümmert hat, sei es durch Einkäufe oder die Versorgung mit Medikamenten. Seeger war am Mittwochabend nicht anwesend und soll für ihre Mitmenschlichkeit nachträglich geehrt werden.

Hanno Leidig hat viele Hilfsprojekte umgesetzt

Auch Hanno Leidig konnte nicht an der Feierstunde teilnehmen. Er hat die Initiative „Wir helfen Vechta“ gegründet, die während der Pandemie viele ehrenamtliche Hilfen in unterschiedlichen Bereichen umgesetzt hat. Eine besondere Würdigung erfuhr nun die Herstellung von Quasselbuden, die während der Kontaktbeschränkungen in den Alten- und Pflegeheimen als Besucherräume dienten.

Die Idee für das Projekt stammt von der Bürgerstiftung Vechta. Sie hat mit Drittmitteln aus dem Corona-Hilfsfonds des Bischöflich-Münsterschen Offizialates und der „Partnerschaft für Demokratie Vechta“ fast 30.000 Euro für die Materialbeschaffung bereitgestellt. Bei der Herstellung der neun Buden konnte Leidig auf etliche freiwillige Helfer zählen, darunter auch zahlreiche Mitglieder des Bürgerschützenvereins Vechta.

Kompanieführer Markus Thie stellte rückblickend fest, dass die gemeinsame Arbeit den Austausch unter den einzelnen Kompanien des Schützenvereins gefördert habe. Auch die Anlieger der Ahornstraße, die mit ihrem Singen den Menschen Mut und Hoffnung in der Pandemie geben wollen, haben die täglichen Treffen noch enger zusammengeschweißt. Sie singen übrigens weiter – aber „nur“ noch zweimal pro Woche.


Ein Kommentar zum Thema von Thomas Speckmann (Reporter):

Angesichts der vielen Todesfälle, der teilweise schwerwiegenden Erkrankungen und auch der wirtschaftlichen Folgen dürfte es schwerfallen, dem Coronavirus etwas Positives abzugewinnen. Aber wenn die Pandemie eines Tages besiegt ist, dann könnte doch etwas Gutes in Erinnerung bleiben. Es ist die Hilfsbereitschaft. Vielerorts sind die Menschen in den letzten eineinhalb Jahren enger zusammengerückt, haben Unterstützung für die Schwächeren geleistet und dabei kreative Lösungen entwickelt. Die geehrten Bürger und Institutionen in Vechta sind dafür die besten Beispiele.

Aber auch über dieses Engagement hinaus sind große Teile der Bevölkerung füreinander da, sei es im privaten oder beruflichen Bereich, ohne ins öffentliche Rampenlicht zu treten. Ihnen gebührt ebenfalls große Anerkennung. Vor diesem Hintergrund lässt sich aus der schweren Zeit vielleicht etwas für die Zukunft ableiten: Für Nächstenliebe braucht es kein Virus.

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