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Nach zwei langen Wegen ist Ahmadullah Timuri endlich am Ziel

Der junge Afghane absolviert in Lastrup eine Ausbildung zum Verkäufer. Der ehrenamtlicher Dienst hilft bei der Prüfungsvorbereitung.

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Fest angestellt: Ahmadullah Timuri und seine Chefin Kerstin Rubow freuen sich, dass es geklappt hat. Foto: Meyer

Fest angestellt: Ahmadullah Timuri und seine Chefin Kerstin Rubow freuen sich, dass es geklappt hat. Foto: Meyer

„Wir lieben Lebensmittel“: Es hat eine Weile gedauert, bis Ahmadullah Timuri den Slogan auf seinem Hemdsärmel lesen konnte. Längst weiß er mit ihm auch etwas anzufangen. Bei Edeka Kosmis in Lastrup hat der junge Afghane gerade seine Ausbildung zum Verkäufer abgeschlossen. Viereinhalb Jahre hat sie gedauert, doppelt so lang, wie üblich. Doch der junge Mann ist auch alles andere als ein gewöhnlicher Azubi.

2015 sprach der 15-Jährige nur Landessprache Paschtun

Als er im Winter 2015 nach Deutschland kam, sprach er nur seine Landessprache Paschtun. Eine Schule hatte er nie besucht. „Ich konnte weder lesen noch schreiben.“ Zusammen mit seinem Cousin hatte sich der damals 15-Jährige auf den weiten Weg nach Europa gemacht. Seine Familie ließ er zurück, die Mutter lebt heute in der Hauptstadt Kabul. Über den Iran und die Türkei schafften es die beiden Teenager bis nach Frankfurt. Als unbegleitete Minderjährige wurden  sie zunächst auf dem ehemaligen Niels-Stensen-Hof im Lastruper Ortsteil  Timmerlage untergebracht. Später zog Timuri in die Lastruper Flüchtlingsunterkunft um.  

Marktleiter Kosmis wollte Heranwachsenden ausbilden

Dass er einmal mit seinen Kunden an der Kasse ein lockeres Schwätzchen halten würde - für Timuri war das damals eine undenkbare Vorstellung. Nach mehreren Kursen hatte er die deutsche Sprache bruchstückhaft gelernt. Für eine Lehre war das aber noch zu wenig. Marktleiter Bernhard Kosmis gab ihm trotzdem einen Praktikumsplatz und erklärte sich danach sogar bereit, den Heranwachsenden auszubilden. Zwar machte der Afghane täglich kleine Fortschritte. Bis zur Prüfungsreife sollte es aber ein langer Weg werden.  

Für Menschen wie Timuri gibt es den Senior-Experten-Service (SES). 2008 gründete der von einer Wirtschaftsstiftung geförderte Dienst die Initiative VerA. Ehemalige Fach- und Führungskräfte springen als Lehrlingsbegleiter ein, wenn ein Kandidat auf der Kippe steht. „Wir wollen verhindern, dass Ausbildungen abgebrochen werden “, erklärt Regionalkoordinator Josef Stukenborg. Von denen gebe es nämlich schon viel zu viele. Rund 40 Ehrenamtliche machen mit. Einer von ihnen ist Helmut Themann.

"Was er in dieser Zeit gelernt hat, ist wirklich beeindruckend."Helmut Themann, Ausbildungshelfer

Der ehemalige Krankenhausmanager übernahm die Aufgabe, den angehenden Verkäufer nach zwei vergeblichen Anläufen auf den Abschluss vorzubereiten. Ein ganzes Jahr lang  ackerten beide die Fragenkataloge durch. Als die Coronakrise persönliche Treffen erschwerte, lernte das ungleiche Duo per Telefon weiter. Vor wenigen Wochen bestand Timuri die Prüfung. Themann ist stolz auf ihn. „Was er in dieser Zeit gelernt hat, ist wirklich beeindruckend. Vor allem, wenn man weiß, mit wie geringen Kenntnissen er hier angekommen ist.“

"Anfangs wurde natürlich komisch geguckt, wer da an der Kasse sitzt."Kerstin Rubow, stellvertretende Marktleiterin

Nach dem erfolgreichen Ausbildungsende ereilte den 22-Jährige die nächste gute Nachricht. Bernhard Kosmis bot ihm einen Arbeitsvertrag an. „Er ist für uns zu einem sehr angenehmen Kollegen geworden“, lobt die stellvertretende Marktleiterin Kerstin Rubow. Mit den Kunden komme der junge Afghane ebenfalls gut klar. „Anfangs wurde natürlich komisch geguckt, wer da an der Kasse sitzt.“ Als sie ihn näher kennenlernten, schlossen die Einkaufenden Timuri aber in ihr Herz und halfen ihm sogar bei der Warenkunde.

Von Kiwis etwa hatte er zuhause nur gehört. Immerhin war sein Vater Fleischer. Als Junge half Ahmadullah ihm bei der Arbeit. Seit seiner Übernahme steht der junge Verkäufer auf eigenen Beinen. Er hat eine kleine Wohnung gemietet, verdient sein eigenes Geld und baut sich gerade einen gut gemischten Freundeskreis auf. „So gelingt Integration“, lobt Helmut Themann. Offen ist aber, ob der Asylbewerber eine Zukunft in Lastrup haben wird. Bisher wurde sein Aufenthalt alle halbe Jahr wegen der Ausbildung verlängert. Die Marktmitarbeiter hoffen jetzt, dass ihr Kollege dauerhaft bleiben darf.

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