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"Muss ja, nech" – über Sprache und Wohlbefinden

Kolumne: Das Leben ist nicht immer Pommes und Disco. Muss auch nicht. Aber deshalb ständig mit "Muss ja" auf die Frage nach dem Wohlbefinden antworten, ist auch keine Lösung. Es gibt Alternativen.

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Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit regiert. Manch einem drückt der Herbst aufs Gemüt. Da kann manch kurzer Plausch auf der Straße das Wohlbefinden heben. Selbst wenn die meist lästige, aber dennoch irgendwie zum Anstand und der Höflichkeit gehörende Frage "Wie geht's dir?" gestellt wird, die in 99 Prozent der Fälle mit einem "Gut" beantwortet wird, weil eine Erklärung viel zu viel Zeiten kosten würde. Denkste!

Eines Besseren wurde ich nämlich kürzlich in der Bäckerei meines Vertrauens belehrt. Denn dort passierten die 99 Prozent der Fälle, die sich im Norden Deutschlands auf die Frage "Wie geht's dir?" ereignen: Eine, sagen wir, etwas betagtere Dame erschlich sich den Weg an die Theke, um geschnitten Brot zu käufen (wie sie sagte, herrlich!).

Doch dann die Kehrtwende: Als die Bäckereifachverkäuferin, offenbar eine Bekannte, zum "Wie geht's dir?" ansetzte, nuschelte die Senioren ein "Gut" in ihr Kinn. Das schien nicht nur ich nicht richtig gehört zu haben, weshalb die freundliche Frau hinter der Theke nochmal nachhakte. Und dann passierte es: "Muss ja, nech" ...

"Es ist die Bankrotterklärung an den Lebenswillen."Max Meyer

Ich weiß nicht, ob die Leute sich im Klaren darüber sind, was diese drei Worte für eine Wirkung haben. Insbesondere auf die Frage nach dem Wohlbefinden. Lassen Sie mich es klar formulieren: Es ist die Bankrotterklärung an den Lebenswillen. "Muss ja." Das wirkt so, als würde man eigentlich lieber tot sein ob der Schmerzen, die einem das Leben so bereitet. Manch einer wird's vielleicht auch als entwaffnende Nüchternheit eines abgeklärten Norddeutschen verstehen. Aber mal ehrlich: Was soll das?

Mit Heiterkeit – einer Lebensweise, die alles Schmerzhafte, Unangenehme, Traurige wahrnimmt, anerkennt, erträgt und das Beste daraus macht – hat das deprimierend wirkende "Muss ja" zumindest auf den ersten Blick, oder besser: beim ersten Hinhören, wenig gemein. Doch so ist das mit Sprache. Einige Sachen sagt man so dahin, ohne darüber nachzudenken ...

Einige Dinge "müssen" sein, aber bestimmt nicht die Frage nach "Wie geht's dir?"

Doch auf Regen folgt Sonne (Kalenderspruch in einer Kolumne: abgehakt). Denn zum "Muss ja (,nech)" gibt es einen halbwegs heiteren Gegenpart: das "alles gut". Selbst wenn die Hütte brennt, reichen zwei Worte aus, um eine Decke aus "na ja, irgendwie zwickt's und rumort es schon, aber det Lebbe jet weider" über das knisternde Feuer zu werfen.

Natürlich ist ein alles überschattendes "Alles gut" kein Mittel, um mit positivem Denken über desolate Situationen hinwegzusehen. Zum nüchtern klaren Leben gehört eben auch, Unwohlsein zu formulieren. Den Mut haben, dazu zu stehen. Sich für das Befinden anderer zu sensibilisieren. Offen zu sein. Und gleichzeitig bleibt das "Alles gut" nicht die offene Tür, um jeden Furz zu diskutieren. Das mag ich am "Alles gut".

Manchmal bereitet einem das Leben jedoch Situationen, die sich weder mit einem "Muss ja, nech" oder "Alles gut" beantworten lassen. Dann darf Sprache auch mal versagen. Schließlich lässt sich nicht alles in Worte kleiden. Oft reichen kleine Gesten, die ein "Alles wird gut" oder ein "Muss ja (weitergehen), nech" ausdrücken können. Bis dahin: Im Leben ist bestimmt nicht immer "alles gut", aber auch wenn es witzig und selbstironisch gemeint ist: Einige Dinge "müssen" sein, aber bestimmt nicht das "Muss ja" nach "Wie geht's dir?"


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