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"Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen"

Kolumne: Auf ein Wort – Die Konfrontation mit dem Tod macht betroffen, traurig und ist oftmals erschütternd. Doch sie gehört zum Leben dazu.

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Die Worte Martin Luthers, mit denen er den Anfang eines mittelalterlichen Hymnus ins Deutsche übertragen hat, sie sind mir in den letzten Wochen und Monaten wiederholt in den Sinn gekommen.

Zwar bin ich als Seelsorger in Senioreneinrichtungen häufiger mit dem Thema "Tod" konfrontiert. Meist geht es dort aber um das Sterben am Ende eines langen Lebens. Nicht, dass der Tod mich dann nicht betroffen und traurig macht. Aber es ist ein Sterben, das absehbar ist. Sterben gehört nun einmal zum Leben.

Stärker berührt es mich, wenn Menschen – so wie es das Kirchenlied besingt – mitten im Leben vom Tod umfangen sind. Allein für dieses Jahr kommen mir mehrere solcher Situationen in den Sinn, die erschüttern und nachdenklich machen.

Da stärkt sich jemand auf einer langen Busreise mit einem Fertiggericht aus dem Plastikbecher. Durch unglückliche Umstände verschluckt er sich an ein paar Nudeln, die er gerade gelöffelt hat. Innerhalb kürzester Zeit bekommt der Mensch akute Atemnot und wird ohnmächtig. Zum Glück sind eine Ärztin und kundige Rettungskräfte im Bus, die sofort eingreifen können. Wären sie nicht gewesen, der Mensch wäre vielleicht elendig erstickt. Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.

"Gerade noch Pläne für das Wochenende gemacht. Im nächsten Moment tot. 'Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.'"Pater Karl Gierse OP 

Wie oft hören wir in den Verkehrsmeldungen Horrornachrichten von der nahen Autobahn. Da hat ein Fahrzeug das Stauende übersehen und ist ungebremst in den letzten Lkw gekracht. Für den Menschen am Steuer kommt jede Hilfe zu spät. Gerade noch Pläne für das Wochenende gemacht. Im nächsten Moment tot. „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.“

Ich könnte die Aufzählung solch schrecklicher Ereignisse leider noch ergänzen.

Der November konfrontiert uns immer wieder mit den Themen "Sterben" und "Tod". Es sind nicht nur Themen für ältere und alte Menschen. Die Beispiele zeigen: Auch mit 19, 35 oder 57 kann der Mensch vom Tod umfangen sein.

Vor einigen Tagen bekam ich eine kleine Geschichte zum Thema Sterben zugeschickt. Vielleicht kann sie dazu anregen, ein wenig über Tod und Sterben nachzudenken:

"Ein Schiff segelt hinaus und ich beobachte, wie es am Horizont verschwindet. Jemand an meiner Seite sagt: 'Es ist verschwunden.' Verschwunden wohin? Verschwunden aus meinem Blickfeld – das ist alles. Das Schiff ist nach wie vor so groß wie es war, als ich es gesehen habe. Dass es immer kleiner wird und es dann völlig aus meinen Augen verschwindet, ist in mir. Es hat mit dem Schiff nichts zu tun. Und gerade in dem Moment, wenn jemand neben mir sagt, es ist verschwunden, gibt es andere, die es kommen sehen, und andere Stimmen, die freudig aufschreien: 'Da kommt es!' Das ist Sterben.“   (von Charles Henry Brent)


Zur Person:

  • Karl Gierse ist Prior des Vechtaer Dominikanerkonventes.
  • Er wirkt in verschiedenen Bereichen der Seelsorge in Vechta und im Oldenburger Land.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an redaktion@om-medien.de.

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