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#Mitgezwitschert – Was ich im Wahlkampf auf Twitter erlebt habe

Kolumne: Irgendwas mit # – Nach 10 Jahren habe ich mein Twitter-Konto wieder ausgegraben. Der Wahlkampf dort hat mich entsetzt: Lacher trumpfen Argumente und wer die Wahrheit verzerrt, gewinnt.

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Ich habe es getan, auch wenn ich mich Jahre lang gesträubt hatte. Ich habe mein Profil bei Twitter reaktiviert. Es hatte geschlummert seit 2010, als ich meinte, mit meinem Gezwitscher bewirken zu können, dass Joachim Gauck statt Christian Wulff Bundespräsident werden möge. Es kam anders.

Wulff zog ins Schloss Bellevue ein – und der große Versöhner, Intellektuelle und Seelsorger der Nation, Joachim Gauck, musste noch zwei Jahre warten, bevor er ins höchste Amt des Staates kam.

Ich jedenfalls – jugendliche Überheblichkeit – schloss aus meiner Niederlage, dass Twitter ja offenbar doch nichts bringe und hakte die 160-Zeilen-Botschaften für mich ab. Zumal ich in dieser Zeit den Deutschlandfunk kennenlernte und mal wieder merkte: Ich höre mir lieber einen 20-minütigen Radioessay an, der ein Thema von allen möglichen und unmöglichen Seiten beleuchtet, als mir die ultimative Verdichtung von Gedanken auf 3 Sätze anzutun.

"Ich bin jetzt bei Twitter mittendrin – aber wenigstens bleibe ich auf der Hut."Philipp Ebert, Redakteur

Doch nun ist es so, dass ich gerne spät auf Partys gehe. Sehr spät. So auch dieses Mal. Nachdem ein gewisser Donald T. eine ganze Weltmacht quasi nur mit dem Smartphone in der Hand via Twitter 4 Jahre lang vor die Wand gefahren hatte, wurde mir im Frühjahr 2021 immer klarer: Als Journalist muss ich dort sein, wo das politische Leben stattfindet. Und das ist eben nicht nur in den Kreistagen, im Landtag zu Hannover oder im Berliner Bundestag der Fall – sondern leider auch auf Twitter.

Gesagt, getan. Und: Was soll ich sagen? Meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. In diesem Wahlkampf changierte Twitter zwischen absoluter Langeweile – und übler Verzerrung, teils Hetze.

Die Parteisoldaten twittern los. Ich gähne.

Stichwort: Langeweile – Beim Triell ringen die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz, Armin Laschet und Annalena Baerbock um die Gunst der Wähler. Auf Twitter machten sich deren Parteisoldaten zeitgleich daran, die Aussagen der eigenen Spitzenleute in den Himmel zu loben – oder den Gegner durch den Kakao zu ziehen. Ich gähne.

Noch schlimmer: Die spitze Bemerkung, der schnelle – und oft billige – Lacher geht vor einer soliden Abwägung der Argumente. Und: Der Daumen sitz bei manchem so locker, dass eine fiese Bemerkung heraus gehauen wird, bevor das Hirn sie auch nur zu Ende denken konnte.

Am schlimmsten: willkürliche Verzerrungen. Besonders hart hat es den Unionskandidaten Laschet getroffen. Bildausschnitte wanderten durchs Netz, die zeigten, wie er – unter einem Schirm stehend – ein Flutopfer vermeintlich im Regen stehen ließ. Tatsächlich war es nur eine Frage von Perspektive und Bildschnitt. Aber: Das Bild war in der Welt und wurde fleißig weiterverbreitet.

Laschet ist höflich, Musk arrogant – das Netz jubelt

Anderes Beispiel: sein Zusammentreffen mit dem Tesla-Gründer Elon Musk. Es ging um die Debatte, ob nur Elektromotoren oder auch Wasserstoff der Antrieb der Zukunft sein könnten. Laschet übersetzt diese Frage für Musk ins Englische. Eine Geste der Höflichkeit. Musk fällt ihm ins Wort, antwortet gönnerhaft, dass es nur der Strommotor sein könne. Das Netz jubelt: Wie blöd könne Laschet sein, Musk diese vorhersehbare Steilvorlage zu geben. Die Wahrheit aber ist: Laschet war nicht blöd, er war nur höflich.

So geht es zu im Netz, so werden Stimmungen geschaffen, Verzerrungen für politische Gewinne eingesetzt. Ich bin jetzt mittendrin – aber wenigstens auf der Hut.

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