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Mit der Oboe in den Bunker: Marina (22) übersteht Raketenangriff

Der Musik zuliebe hat Marina Averbeck alles ausgehalten. Ein Jahr hat die junge Oboistin aus Cloppenburg in Tel Aviv studiert. Würde sie das Risiko noch einmal eingehen?

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Zurück in Mutters Garten: Marina Averbeck aus Cloppenburg. Foto: Kreke

Zurück in Mutters Garten: Marina Averbeck aus Cloppenburg. Foto: Kreke

Als die Sirenen in Tel Aviv losheulten, telefonierte Marina Averbeck (22) gerade mit ihrer Mutter. 90 Sekunden blieben der Musikstudentin in diesem Moment, um den schützenden Bunker zu erreichen. „Ich hab‘ das Wichtigste gegriffen“, erzählt die Tochter: „Meine Oboe und meine Papiere.“

Bei dem Raketenangriff am 12. Mai blieb die junge Cloppenburgerin unverletzt. Zwei Kilometer entfernt erschlugen Trümmerteile des zerstörten Flugkörpers einen Mann. „Ich hab‘ damals die Farbe aus dem Gesicht verloren“, erinnert sich ihre Mutter Julitta. Jetzt lacht sie erleichtert. Seit 6 Tagen ist ihre Tochter wieder daheim in Cloppenburg und bereitet sich auf die nächsten Schritte im Studium an der Hochschule in Frankfurt vor.

„Ich war wirklich traurig, dass es vorbei ist. Dieses Jahr war eine riesige Erfahrung.“Marina Averbeck (22)

Den Schock während ihres Auslandsjahres an der weltweit angesehenen Buchmann-Mehta-Musikhochschule hat sie überwunden, „obwohl ich 5 Nächte nicht geschlafen habe“. „Ich würde es auf jeden Fall noch einmal machen“, sagt sie und zieht die wärmende Jacke noch etwas enger um sich: An 35 bis 40 Grad hat sie sich gewöhnt. „Ich war wirklich traurig, dass es vorbei ist. Dieses Jahr war eine riesige Erfahrung.“ In Tel Aviv hat die Cloppenburgerin nach eigene Worten mehr Selbstbewusstsein und die Bestätigung ihres beruflichen Traums gefunden: in einem Spitzenorchester mitzuhalten. Im Isrealischen Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Mahav Shani durfte Averbeck während eines 5-tägigen Praktikums in 2 Konzerten mitspielen. „In Deutschland hätte ich darauf jahrelang warten müssen“, sagt die 22-Jährige.

Traum erfüllt: Mit Spitzenorchester auf der Bühne

Die Aufführungen von Brahms Violinen-Konzert und Schumanns 4. Sinfonie waren ein Erlebnis fast absoluter Harmonie: „Das war so zusammen, so nah an der Perfektion“, schwärmt Averbeck: „Es fühlte sich an, als wäre mein Traum fast schon in Erfüllung gegangen.“ Die vielen Proben mit Profis, bis zu 5 Stunden Üben jeden Tag und die harte Theorieschule haben sie sicherer gemacht, die Umstände der fremden Umgebung gelassener und geduldiger. „Als ich ankam, lief alles holperig“, erzählt sie: Die Kreditkarte funktionierte nicht, israelische Schekel besaß sie nicht und auf der Liste des Studenten-Wohnheims fehlte ihr Name. Als sie schließlich doch in das Doppelzimmer durfte, „habe ich 2 Tage geputzt, weil's so dreckig war“.

Dafür fand die Cloppenburgerin rasch Anschluss und Freunde. Ihre Zimmernachbarin, eine Griechin aus Zypern, will sie bald besuchen, die Universität war „viel einfacher als hier in Deutschland, weil man viel mehr behütet und kontrolliert wird“. Dass sie vor Antritt ihres Vollstipendiums Kontakt mit ihrem Lehrer in Tel Aviv aufgenommen hatte, zahlte sich aus: „Er hat es mir sehr leicht gemacht und mir alles erklärt.“ Ihre größte Sorge, mit ihrem Schulenglisch zu scheitern, hat sich durch die ständige Sprachpraxis erledigt: Ein Zertifikat der Uni bescheinigt ihr beste Leistungen. „Ich bin nicht perfekt“, wehrt die bescheidene Frau ab: „Aber ich kann mich gut verständigen.“

Neue Erfahrung: Raketen am Klang unterscheiden

Nach den Angriffen auf Besuche im quirligen Stadtzentrum zu verzichten, fiel Averbeck leicht: „Ich hab‘ es sowieso lieber etwas ruhiger.“ Während der 11 Tage dauernden Raketenangriffe lebte die Cloppenburgerin in ständiger Sprungbereitschaft. „Am schlimmsten ist das Duschen, weil man nicht weiß, ob es vielleicht gleich losgeht.“

Die Studentin lernte rasch, die unterschiedlichen Klänge der Kämpfe zu unterscheiden: das Zittern des Bodens, wenn israelische Abfangraketen starten, das Beben, wenn die Geschosse der radikalislamischen Hamas doch einmal den Abwehrschirm durchdrangen. Mehr als 3.250 Raketen feuerten die Paramilitärs auf Israel ab.

Unter Palmen: Marinas Blick auf Tel Aviv. Foto: AverbeckUnter Palmen: Marinas Blick auf Tel Aviv. Foto: Averbeck

Zu Hause erholt sich die 22-Jährige von den Strapazen und plant ihre Zukunft. Ein Jahr noch wird sie in Frankfurt bis zum Bachelor-Abschluss brauchen. Ihren Master möchte die begabte Oboistin, die sich schon mit 8 Jahren in das Instrument verliebte, an einer anderen Hochschule machen – wo, ist noch offen. Dazu wird sie erneut Hochschulen und Lehrer anschreiben und auf eine Einladung hoffen, vorspielen zu dürfen. Ihre Zuversicht ist gewachsen. „Früher hab‘ ich mir viel Stress gemacht und war mir nicht 100-prozentig sicher im Orchesterspiel“, sagt sie: „Jetzt fühlt es sich so an, als ob ich einen Schritt weitergekommen wäre.“

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