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Misstrauen gegenüber Fremden schwand im Kreis Cloppenburg rasch

Die ausländischen Kriegsgefangenen entwickelten sich während des Ersten Weltkrieges rasch zu geschätzten Helfern in der Landwirtschaft.

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Fremde Kriegsgefangene in landestypischen Trachten waren eine Attraktion und ein beliebtes Postkartenmotiv, zum Beispiel für den Dammer Arzt Theodor Zuhöne. Foto: Stadtmuseum Damme

Fremde Kriegsgefangene in landestypischen Trachten waren eine Attraktion und ein beliebtes Postkartenmotiv, zum Beispiel für den Dammer Arzt Theodor Zuhöne. Foto: Stadtmuseum Damme

Viele Menschen aus dem Kreis Cloppenburg begegneten während des Ersten Weltkrieges als Wachpersonal in Kriegsgefangenlagern oder bei der Arbeit Soldaten aus anderen Staaten und Kulturen. Nach 1918 wurden diese Kontakte überwiegend als sehr positiv dargestellt.

Ältere Jahrgänge bevorzugt genommen

Für die Bewachung in Gefangenenlagern wurden mit Vorliebe Soldaten älterer Jahrgänge herangezogen. Ein Beispiel hierfür ist der 1873 in Essen geborene Theodor Kleier. Nach der militärischen Ausbildung als Wachmann wurde er in zahlreichen Lagern eingesetzt: Zunächst in Bramsche im Emsland, anschließend im Offiziersgefangenenlager Osnabrück und ab 4. Februar 1917 als Kommandoführer zur Bewachung von Gefangenen in Rulle. Von dort wurde er am 25. Oktober 1917 zum Gefangenen-Kommando in Müschen bei Bad Rothenfelde verlegt, um schließlich bis Kriegsende in anderen Bataillonen in Braunschweig und Schüttorf zu dienen. 

Kameraden des Dammer Arztes Theodor Zuhöne mit einem gefangenen Franzosen (rechts) während der Aisne-Schlacht am 16. April 1917. Foto: Stadtmuseum DammeKameraden des Dammer Arztes Theodor Zuhöne mit einem gefangenen Franzosen (rechts) während der Aisne-Schlacht am 16. April 1917. Foto: Stadtmuseum Damme

Joseph Hackmann aus Bokel, vor dem Krieg Lehrer in Kroge bei Lohne, warf nur als Beobachter einen Blick auf ein großes Kriegsgefangenenlager, das ihn allerdings sehr beeindruckte. Der damals 20-Jährige kam 1915 zur Ausbildung nach Munster in der Lüneburger Heide. Neben dem dortigen Truppenübungsplatz befand sich eines der größten deutschen Kriegsgefangenenlager. Die mehr als 20.000 dort untergebrachten ausländischen Kriegsgefangenen stammten aus den verschiedensten Winkeln der Erde. Und sie weckten bald das Interesse der Wissenschaft: Ethnologen konnten hier Gesänge und Redebeiträge in fremden Sprachen aufnehmen, für deren Dokumentation sonst aufwendige Reisen notwendig gewesen wären.

Hiervon berichtet auch Hackmann: "Munster ist augenblicklich eine wahre Fundgrube für Sprachforscher. Man begegnet hier Engländern, Franzosen, Russen, Belgiern, Kirgisen, Tartaren, Zuaven, Turkos, Gurkhas und Hindus." Die damals angestellten Untersuchungen und die Ton-Aufnahmen stehen seit Kurzem wieder im Fokus der Forschung. Allerdings geht es heute nicht mehr darum, die Eigenarten "exotischer Volksstämme" zu dokumentieren, sondern um eine kritische Reflexion der damaligen Vorgehensweise.

Ende des Krieges gab es 2,4 Millionen Gefangene 

Intensivere Begegnungen mit Soldaten aus "Feindstaaten" hatten viele Zivilisten im Kreis Cloppenburg. Der zunehmende Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen sorgte dafür, dass die Bevölkerung zum Teil recht engen Kontakt zu Kriegsgefangenen hatte. Als im August 1914 Millionen Deutsche zur Armee einberufen wurden, hinterließen sie eine große Lücke auf dem Arbeitsmarkt. In der Landwirtschaft machte sich bald ein eklatanter Arbeitskräftemangel bemerkbar, der sich hier als besonders gravierend erwies, da er sich negativ auf die angespannte Lebensmittelversorgung auswirkte.

Als Ersatz für die fehlenden Soldaten wurde daher seit 1915 verstärkt auf Kriegsgefangene zurückgegriffen, die in unerwartet großer Zahl zur Verfügung standen: Im Oktober 1918 befanden sich schließlich insgesamt 2,4 Millionen feindliche Soldaten aus 13 Staaten in deutschem Gewahrsam. Die größten Kontingente stammten aus Russland (1,4 Millionen) und Frankreich (circa 500.000). Völkerrechtlich war die Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen unter Auflagen zulässig: Die Haager Landkriegsordnung von 1899 erlaubte es, einfache Soldaten bei Arbeiten einzusetzen, die nicht im Zusammenhang mit der Kriegführung standen.

Bald kamen Kriegsgefangene als landwirtschaftliche Arbeitskräfte auch in den Kreis Cloppenburg. So arbeiteten ab April 1915 insgesamt 20 Gefangene auf dem Gut Calhorn bei Essen, mit denen laut dem 1930 erschienen Buch „Essen im Weltkrieg“ gute Erfahrungen gemacht wurden. Am 3. Juli 1915 kamen 30 Gefangene aus dem Lager Süd-Edewechtermoor nach Bühren. 2 Tage später erhielt die Gemeinde Cappeln 80 Kriegsgefangene aus dem selben Lager, in dem etwa 3000 feindliche Soldaten in Baracken auf einer umzäunten Wiese interniert waren. Brokstreek, Ahausen, Emstek, Drantum, Höltinghausen und Garthe wurden später eigene Kontingente zugeteilt. Es handelte sich größtenteils um Belgier sowie einige Franzosen und Russen. Bei ihrer Ankunft wurden sie „von einer großen Zahl Neugieriger bestaunt“.

30 Pfennig Tageslohn und Furcht vor dem Lager Edewecht

In Cappeln wurden die Gefangenen in einem leerstehenden Gebäude des Müllers Hackmann in Bokel untergebracht. Das „Kriegsgedenkbüchlein“ der Gemeinde von 1925 hebt hervor, dass diese Behausung zuvor „zweckmäßig eingerichtet“ worden sei: „mit Kochmaschine, Mantelkessel und Öfen versehen, sogar elektrisches Licht war vorhanden“. Hier wie auch an anderer Stelle wird in den nach 1918 veröffentlichten Kriegschroniken die gute Behandlung und Versorgung der Gefangenen betont. Wenn es doch mal zu Härten kam – zum Beispiel, weil der Weg vom Lager zur Arbeitsstätte sehr weit war – hätten die Einheimischen nach Möglichkeit schnell für Abhilfe gesorgt. So ging man in entfernteren Orten wie Sevelten und Schwichteler bald dazu über, die Gefangenen direkt bei den Bauern unterzubringen. Die Landwirte hatten den Gefangenen täglich 30 Pfennige zu zahlen, hätten aber oft gern mehr gezahlt, um diese zu „fleißiger Arbeit und Gefälligkeit“ zu motivieren.

In Emstek hegte die Bevölkerung in den ersten Monaten "eine gewisse Scheu gegen feindliche fremde Elemente und stand ihrer Aufnahme wenig freundlich gegenüber". Auch in Cappeln schlug den Gefangenen zunächst "Bangigkeit und Misstrauen" entgegen. "Beides aber schwand bald", so die Cappelner Kriegschronik, denn "es zeigte sich, dass es durchweg willige, teilweise in der Landwirtschaft gut bewanderte Leute waren." Während die Zeit bei den Bauern bald selbst von Gefangenen geschätzt wurde, die aus der Stadt kamen, hätten sich viele vor einer Abschiebung ins Lager Edewecht gefürchtet. Das Motto "nur nicht nach Edewecht" trieb sie zur Arbeit an. Fluchtversuche waren eher selten.

Spanische Grippe forderte ihre Opfer

An Familienfesten hätten sie selbstverständlich teilgenommen und „Christkindchen kam auch für sie“ heißt es aus Cappeln und Emstek. Die Gefangen hätten insgesamt „völlig ohne Sorge und in Frieden“ gelebt. Überhaupt wird die Behandlung und Lage der ausländischen Kriegsgefangenen nach 1918 in sehr gutem Licht dargestellt, während mit Blick auf die deutschen Soldaten, die sich in der Hand des Feindes befanden, häufig Leid und Härten der Gefangenschaft hervorgehoben wurden.

Trotz ihrer vergleichsweise guten Lage auf den hiesigen Bauernöfen wollten die meisten ausländischen Kriegsgefangenen nach dem Waffenstillstand so schnell wie möglich nach Hause. Einige schrieben von zu Hause Karten und Briefe, in denen sie sich für die gute Behandlung bedankten. Die russischen Kriegsgefangenen blieben allerdings größtenteils bis 1920, da der Russische Bürgerkrieg eine rasche Rückkehr verhinderte. 3 Russen verließen Drantum sogar erst am 15. Februar 1921 nach 6 Jahren Gefangenschaft. Einige Gefangene kehrten gar nicht heim; insbesondere die Spanische Grippe forderte 1918 Opfer. Diese fremden Soldaten fanden auf den hiesigen Friedhöfen ihre letzte Ruhe.

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