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"Minusgefühle" will über psychische Erkrankungen aufklären

Lisa Hoyng aus Goldenstedt hat einen Verein gegründet, um insbesondere Schülerinnen und Schüler für das Thema zu sensibilisieren. Als Betroffene weiß sie ganz genau, worüber sie spricht.

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Symbolfoto: dpa/Woitas

Symbolfoto: dpa/Woitas

„Iss doch mal etwas Schokolade“; „Fahr mal in den Urlaub“; „Wir hatten es früher auch schwer“; und natürlich der Klassiker: „Stell dich nicht so an“ – Wer an einer psychischen Erkrankung leidet, hat nach wie vor mit zahlreichen Vorurteilen und vor allem viel Unverständnis zu kämpfen. Denn psychische Erkrankungen, wie beispielsweise eine Depression, kann man nicht sehen. „Wer ein gebrochenes Bein hat, geht in ein Krankenhaus“, sagt Lisa Hoyng. Und wer unter einer psychischen Erkrankung leide, brauche Psychotherapie. „Das bedeutet nicht, dass man schwach ist“, sondern schlicht, dass die Seele Hilfe brauche, sagt die Goldenstedterin.

Da sie viel Unwissenheit über psychische Erkrankungen beobachtet, hat die 32-Jährige im vergangenen September mit 6 Freunden den Verein „Minusgefühle“ gegründet. Ziel dieser Initiative sei es vorrangig, in Schulklassen zu gehen und dort über psychische Erkrankungen aufzuklären, erzählt Hoyng.

Inspiriert hat die Goldenstedterin das Präventionsprojekt „Seele trifft auf Schule“ des Vereins Hilfe für psychisch Kranke Bonn/Rhein-Sieg. Im Rahmen von Veranstaltungen werden dort Schülerinnen und Schüler über psychische Erkrankungen, Therapien und Hilfsangebote informiert. „Das ist doch was für den Kreis Vechta“, dachte sich Hoyng.

Möchte aufklären: Lisa Hoyng. Foto: Peter SchulzMöchte aufklären: Lisa Hoyng. Foto: Peter Schulz

Sie habe selbst Lehramt studiert, erzählt die 32-Jährige, und an den Schulen sei das Thema zu wenig präsent. Bislang stellt Hoyng es sich so vor, dass Betroffene in Schulklassen gehen und ihre (Kranken-)Geschichte erzählen. Außerdem könne die medizinische Sicht mithilfe eines Psychologen näher betrachtet werden, oder es komme ein Angehöriger zu Wort.

Es könnte beispielsweise Lesungen mit Autoren geben, die sich in ihren Werken mit psychischen Erkrankungen auseinandersetzen, lässt Hoyng an ihren Ideen teilhaben. So sei der Name des Vereins „Minusgefühle“ vom gleichnamigen Buch von Jana Seelig abgeleitet. Mit ihr wie auch dem Autor Tobi Katze („Morgen ist leider auch noch ein Tag“) hat Hoyng bereits Kontakt.

Unterstützung von Robert-Enke-Stiftung

Lisa Hoyng hat nach eigenen Angaben schon mit Schulen gesprochen. „Die finden die Idee toll“, berichtet sie von der Rückmeldung. Allerdings sei es wegen der Corona-Pandemie gerade schwierig, Termine zu vereinbaren.

Untätig bleibt der Verein deshalb aber nicht. So wird „Minusgefühle“ unter anderem von der Robert-Enke-Stiftung gefördert. 1000 Euro Startgeld gab es für die Grundausstattung und um die Kosten für die Gründung zu decken. Der Verein hat das Logo designen lassen, Werbematerial gekauft sowie Flyer anfertigen lassen. Es gibt Sticker wie auch Jutebeutel, die in den Schulen verteilt werden sollen. Ansonsten finanziere sich der Verein von Spenden.

Eine weitere Idee sei es, gemeinsam mit dem Landkreis Vechta einen „Tag der psychischen Gesundheit“ zu veranstalten. Lisa Hoyng denkt da an Lesungen, Vorträgen wie auch Podiumsdiskussionen, die gemeinsam mit anderen Initiativen im Landkreis organisiert werden können. Aber auch das sei gerade wegen Corona schwierig zu realisieren.


Fakten:

  • Aus medizinisch-therapeutischer Sicht ist die Depression eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst, mit Störungen von Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leiden verursacht. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, Antriebslosigkeit und ihren negativen Gedanken befreien. Aber es gibt gute und effektive Möglichkeiten der medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung. (Quelle: Deutsche Depressionshilfe)
  • Das Info-Telefon Depression ist unter 0800/3344533 zu erreichen (Mo, Di, Do: 13 bis 17 Uhr, Mi, Fr: 8.30 bis 12.30 Uhr)

Hoyng, die erste Vorsitzende des Vereins, betreibt zudem viel Aufklärungsarbeit über Social Media und vergrößert stetig ihr Netzwerk. Sie postet regelmäßig bei Facebook wie auch Instagram Beiträge zum Thema psychische Erkrankungen. Sie ist bald beim Podcast „Gegenwartsgeplapper“ von Christina Bachmann zu hören und hat kürzlich über die App „Clubhouse“ mit dem Vorsitzenden der Jungen Union, Tilman Kuban, und dem Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor über psychische Erkrankungen gesprochen.

Hoyng gibt zu, dass sie durch ihre politische Arbeit bereits einige Kontakte hat. Sie hat jahrelang in Brüssel gearbeitet. Das helfe selbstverständlich beim Netzwerken. Allerdings schöpft sie ihre Motivation aus ihrer eigenen Erfahrung. Denn Lisa Hoyng leidet selbst an Depressionen und Angststörungen. Sie weiß, wovon sie spricht. Und sie weiß, wie viel Unwissenheit und wie viele Vorurteile es gibt. Psychische Erkrankungen seien noch immer tabuisiert, niemand spreche darüber, sagt Hoyng. Das möchte sie ändern.

Schwierig, einen Therapeuten zu finden

Lange Zeit habe sie ihre eigene Erkrankung vor sich hergeschoben, erzählt die Goldenstedterin. Doch im vergangenen Frühjahr, während des ersten Lockdowns, habe sie ständig Panikattacken gehabt, konnte die Symptome nicht einordnen. „Diese Panikattacken waren ausschlaggebend. Jetzt musste ich was tun“, erinnert sich die 32-Jährige.

Daraufhin habe sie sich um einen Platz in einer Klinik bemüht. 4 Wochen habe sie darauf warten müssen. Bei dem Gedanken an eine Psychiatrie denken viele „Oh mein Gott, da sind nur Bekloppte“, sagt Hoyng, doch so sei das nicht. Es sei überhaupt nicht schlimm, in eine Psychiatrie zu gehen. Schließlich sei es schwierig genug, Hilfe zu bekommen, sagt sie. Ein „Kampf“ sei es, einen Psychotherapeuten zu finden. Es gebe zu wenig freie Plätze, und auf diese warten manche Betroffene viele Monate. „Das ist alles super viel Bürokratie“, sagt Hoyng. Sie wünsche sich deshalb schnellere und unkompliziertere Hilfe.

Mehr Erkrankungen seit Corona-Pandemie

Ihr persönliches Umfeld habe verständnisvoll auf ihre Erkrankung reagiert, sagt Hoyng stolz. Es habe keine blöden Kommentare gegeben, sondern eher Anerkennung dafür, dass sie darüber rede. „Einige waren aber auch geschockt, weil sie es nicht geahnt hätten“, sagt sie. Im Grunde ist Hoyng aber dankbar und froh über ihren guten Freundeskreis. Doch darüber hinaus habe sie selbst gemerkt, wie wenig über psychische Erkrankungen bekannt  und wie groß die Unwissenheit sei. Andere Betroffene berichteten von den üblichen Sprüchen. „Wenn man Depressionen hat, kann man diese Vorurteile echt nicht gebrauchen“, sagt Hoyng.

Ihr selbst habe die Therapie gut geholfen, sie nehme auch Tabletten, verrät die Goldenstedterin. In letzter Zeit nehme sie in ihrer „Blase“ vermehrt wahr, dass die Menschen äußern, dass es ihnen schlechtgehe. Seit dem 2. Lockdown kämen viele auf Hoyng zu und schilderten ihre Sorgen. Die Corona-Pandemie triggere psychische Erkrankungen, beobachtet die 32-Jährige. „Die Leute werden verzweifelter, fragen sich, wie sie an einen Therapeuten kommen“, sagt sie. Es sei sogar „extrem“ geworden, dass sich Fremde Hilfe suchend an sie wenden.

Mit „Minusgefühle“ möchte Lisa Hoyng dazu beitragen, dass diese Erkrankungen mehr in das Bewusstsein der Gesellschaft gerückt werden und als das gesehen werden, was sie sind: ernsthafte Erkrankungen.

  • Info: Näheres zu dem Verein "Minusgefühle" gibt es hier online.

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