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Mein roter Bruder

Kolumne: Auf ein Wort – Wer möchte, kann in den Büchern von Karl May über Winnetou, den Häuptling der Apachen, Problematisches entdecken. Doch es steckt viel mehr dahinter, das äußerst positiv ist.

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In einer Runde von Promotionsstudenten der Philosophie ging es spätabends um private Lieblingsbücher. "Und was haben Sie in Ihrer Jugendzeit gelesen?" Bei meiner Antwort dachte unser Professor wohl, er habe sich verhört. Karl May? Vielleicht hätte ich besser Karl Marx nennen sollen. Noch besser wären Aristoteles oder Kant gewesen. Die Philosophin Hannah Arendt hat mit 14 Jahren Kant gelesen. Das ist eindrucksvoll. Aber Karl May?

Der Erfinder von Winnetou, dem edlen Häuptling der Apachen, kam in diesem Kreis nicht so gut an. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich habe als Kind und Jugendlicher nicht nur Karl-May-Bücher verschlungen. Eigentlich habe ich alles gelesen, was mir in die Finger kam. Ob es Goethe, Eichendorff oder Agatha Christie war. Und natürlich Winnetou, von der ersten Begegnung mit Old Shatterhand bis hin zum traurigen Ende. Wenn Winnetou abends im Fernsehen lief, war er noch in der nächsten großen Pause auf dem Schulhof präsent.

Besorgte Pädagogen gab es damals schon. Sind das nicht alles furchtbare Klischees, die Welt der Rothäute und der Bleichgesichter? Vermutlich. Jetzt gibt es wieder Ärger um Winnetou. Ein neuer Film aus dem "Karl-May-Kosmos" sorgt für Diskussionen. Fernsehanstalten heben hervor, dass sie die alten Winnetou-Filme künftig nicht mehr zeigen wollen. Das Bild der amerikanischen Ureinwohner, das darin gezeigt wird, halten manche für problematisch, politisch nicht korrekt, vielleicht sogar gefährlich.

"Zwei Menschen, die aus verschiedenen Kulturen stammen und eine tiefe menschliche Verbindung eingehen."Dr. Marc Röbel

Dennoch behaupte ich: Diese Bücher haben mir persönlich nicht geschadet, so wenig wie die Filme. Was mich aber beeindruckt hat, war die Verbindung der beiden Helden. Zwei Menschen, die aus verschiedenen Kulturen stammen und eine tiefe menschliche Verbindung eingehen. Sie nennen sich "Blutsbrüder". Das hat in mir den stärksten Eindruck hinterlassen.

Der Europäer, der im "Wilden Westen" nur Old Shatterhand genannt wird, findet in diesem Fremden einen Vertrauten. Der kommt ihm sogar näher als viele seiner Landsleute. Mit Winnetou spricht er über die tiefsten Fragen des Lebens, die Seele und die ewigen Jagdgründe. In den Romanen fragt sich Old Shatterhand sogar, ob dieser ungetaufte Apache nicht mehr vom Evangelium verstanden hat, als viele andere, die sich Christen nennen.

Das war kein schlechter Impuls für meine späteren Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen. Daraus sind zum Teil tiefe Freundschaften entstanden, nicht zuletzt im Kreis von Philosophen. Jahre nach dem erwähnten Rundgespräch über die Jugendlektüre saßen wir beim Professor auf der Terrasse seines Hauses in der Nähe von Trier. Plötzlich war von weither eine Explosion zu hören. Was war das? Bei der Antwort des Gastgebers musste ich schmunzeln: "Das sind die Karl-May-Festspiele. Die gibt es bei uns jedes Jahr." Donnerschlag!


Zur Person:

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Akademiedirektor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Sie erreichen den Autoren per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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