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Martins Mantel

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Der historische Martin ist eine faszinierende Gestalt. Doch nicht dieser unangepasste Bischof hat in der Erinnerung überlebt.

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Heute ist St. Martin. In meiner Kindheit ein wichtiger Tag. Der Laternenumzug gehörte dazu. Brezel. Und die gespielte Szene: Martin, hoch zu Ross, teilt seinen Mantel mit dem Bettler am Boden.

Der historische Martin ist eine faszinierende Gestalt: Elitesoldat und Wanderprediger, Heiler und vom Volk gegen den Willen des Klerus gewählter Bischof von Tours, sperrig, radikal, ja tragisch in der Wendezeit, als die Kirche zu Macht und Ansehen kam. Zu seinen Lebzeiten wurde zum ersten Mal ein Christ von anderen Christen als Irrgläubiger hingerichtet. Martin brach aus Protest bis ans Lebensende den Kontakt mit den zustimmenden Mitbischöfen ab. Doch nicht dieser unangepasste Bischof hat in der Erinnerung überlebt, in den Herzen geblieben ist das Bild der Mantelteilung – und auch für mich ist das ein Schlüsselbild.

Versetzen wir uns einmal in Martins Rolle: hoch zu Ross, im warmen Mantel, treffen wir am Wegesrand einen frierenden Bettler. Mir scheint, nun gibt es 4 Möglichkeiten, wie wir uns verhalten können:

Wir könnten weiterreiten, vielleicht mit der Bemerkung "Mein Mantel gehört mir" oder "Wer einen Mantel haben will, soll sich anstrengen – mir wurde der Mantel auch nicht geschenkt!" Jeder ist seines Glückes Schmied. Völlig falsch ist das wohl nicht, sehr menschenfreundlich aber gewiss auch nicht.

Viel Freude beim Mantelteilen. Beim Geben und Bekommen. Was immer der Mantel auch sein mag.Heinrich Dickerhoff

Die zweite Möglichkeit gilt oft als sehr christlich. Wir werfen dem Bettler den ganzen Mantel von oben herab zu. "Da, nimm. Ich werde frieren, damit du es warm hast. Sieh nur, wie gut ich zu dir bin!" Ich finde das hochmütig, überheblich und herablassend. Das demonstrative Opfer macht die Beschenkten klein, beschämt und erniedrigt sie.

Wir könnten den Frierenden auch mit unter den Mantel nehmen und wärmen. Das ist sicher gut gemeint, aber eine nicht unproblematische Einladung. "Ich halte dich warm, aber du musst auch brav bei mir bleiben!", sagt sie. "Für meinen Schutz gibst du deine Freiheit auf!" Auch die Kirche tat sich mit den Hilflosen immer leichter als mit den Freiheitsliebenden.

Bleibt nun noch eine vierte Reaktion, das Martin-Beispiel, die Mantel-Teilung. "Es ist kalt", sagt mir dieses Leit-Bild, "jeder braucht ein Stück Mantel. Aber meiner reicht wohl für 2! Wir teilen. Denn ich brauche wie du und jeder Mensch etwas Lebenswärme!" Solche Hilfe demütigt nicht und nimmt dem Bedürftigen nicht die Freiheit, sie gibt – und erkennt zugleich die eigene Bedürftigkeit an. Sie ist kein demonstratives Opfer, sondern geschwisterliche Nothilfe, Lastenausgleich, nicht Selbstaufgabe. Heute gebe ich dir, aber vielleicht werde auch ich bald ein Stück von deinem Mantel, deinem Leben brauchen.

Also viel Freude beim Mantelteilen. Beim Geben und Bekommen. Was immer der Mantel auch sein mag.


Zur Person:

  • Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent.
  • Er wohnt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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