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Lockdown fürs Überleben: Patient isoliert sich 6 Monate lang

Martin Kruse (57) braucht nach einer lebensrettenden Stammzellen-Spende große Geduld und noch mehr Vorsicht bis zur ganzen Genesung. Wie bewahrt der gebürtige Cloppenburger so lange seine Zuversicht?

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Glücklich mit der Familie vereint: Martin Kruse durfte kurz vor Weihnachten  zurück zu seiner Familie. Die Stammzellen eines 22-jährigen Spenders wachsen in seinem Körper. Foto: Familie

Glücklich mit der Familie vereint: Martin Kruse durfte kurz vor Weihnachten  zurück zu seiner Familie. Die Stammzellen eines 22-jährigen Spenders wachsen in seinem Körper. Foto: Familie

Sein altes Gewicht hat er schon wieder erreicht, sein schwarzer Humor ist zurück: Um eine schwere Leukämie zu überstehen, ist eine Pandemie „eigentlich die beste Zeit“, spöttelt Martin Kruse (57): Alle tragen Masken, halten Abstand und desinfizieren sich die Hände: Beste Chancen für den gebürtigen Cloppenburger, die lange Genesungszeit ohne bedrohlichen Infekt zu überstehen.

Es müsste nicht einmal Corona sein. Seit der rettenden Stammzellenspende wenige Woche vor Weihnachten ist das Immunsystem des in Osnabrück lebenden Optikermeisters noch sehr anfällig für jeden Keim und jede Pilzerkrankung. Aber der an der Löninger Straße aufgewachsene Patient ist zuversichtlich: „Es gibt keine Komplikationen und meine Medikamente werden allmählich reduziert.“ Das schont auch seine empfindliche Nase.

Geschenk vorm Fest: Ein Spender passte perfekt

Denn die Tabletten, die eine Abstoßung der Zellenspende verhindern sollen, riechen ekelerregend: „Die Verpackung soll man mit ausgestreckten Armen aufreißen“, berichtet der 57-Jährige. Das ist das kleinste Übel. Wie bereits berichtet, war der Ex-Cloppenburger im vergangenen Sommer an einer besonders aggressiven Form des Blutkrebs erkrankt. Die Familie rief bundesweit und in der Münsterländischen Tageszeitung Menschen auf, ihr Blut typisieren zu lassen, um einen geeigneten Spender zu finden. Im Oktober kam aus Tübingen die erlösende Nachricht der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS): Vier Spender passten, einer sogar zu 100 Prozent. Ein absoluter Glücksfall.

Dank des 22-jährigen Spenders, der mindestens zwei Jahre anonym bleiben wird, durfte Kruse nach vier Wochen strenger Quarantäne in der Universitätsklinik Münster wenige Tage vor Heiligabend zurück zu seiner Frau Silvia. Am 1. Februar hat das Paar im ganz privaten Rahmen seinen 30. Hochzeitstag gefeiert – nach fünf Monaten Schmerzen und Ungewissheit. Am Dienstag erhielt der Patient bei der bei der Nachsorge-Untersuchung in der Uniklinik die Bestätigung, dass er auf dem Weg zur 100-prozentigen Genesung ist: Das fremde Knochenmark hat sich stark vermehrt. „Vorher hatte ich fast keins mehr“, erzählt er: „Da war es schwer, von mir überhaupt eine Probe zu nehmen.“

„Ich achte viel mehr auf die Kleinigkeiten, an denen ich mich freue: Das kann ein alter Baum sein oder ein schönes Haus.“Martin Kruse (57)

Mit der Erkrankung und der langsamen Erholung hat sich seine Sicht aufs Leben verändert. „Ich achte viel mehr auf die Kleinigkeiten, an denen ich mich freu‘“, sagt Kruse: „Das kann ein alter Baum sein oder ein schönes Haus.“  In seinem privaten „Lockdown“, der schon fünf Monate andauert, vertreibt sich der Wahl-Osnabrücker die Zeit mit seinem Hobby, aus dem eine echte Aufgabe geworden ist: Kruse kocht seit Jahren gern, „auch ganz ausgefallene Rezepte“. Und weil seine Frau inzwischen im Homeoffice arbeitet, ist er nun offiziell für die Mahlzeiten daheim zuständig. Das verschafft ihm zugleich erste Lockerungen.

"Man muss jeden Tag neu sehen"

Denn das Paar geht gemeinsam Einkaufen, wenn auch unter größter Vorsicht. „Wir fahren extra nach Bramsche, weil‘s da einen riesigen Supermarkt gibt, der lange auf hat“, erzählt er. Abends wenn kaum noch Kunden im Laden sind, traut sich der Hobbykoch in die breiten Gänge. „Aber meine Kinder treffe ich schon“, erzählt er: Ganz ohne Kontakt zu den Vertrauten geht‘s nicht, zumal Kruses Vorsicht noch mindestens bis zum Mai andauern muss  – egal wie die Corona-Inzidenzen aussehen. Dann erst dürfte sein Immunsystem wieder auf voller Höhe sein, sagen die Ärzte.

Kruse nimmt die Einschränkung mit großer Gelassenheit. „Wir sind ja nicht die einzigen. Man muss jeden Tag neu sehen“, sagt er: Die eigene Familie, den alten Baum oder das schöne Haus...

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