Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Lisbeth, heut' geht's in die Pilze!

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Es gibt Kleidungsstücke, die sind aus gutem oder ohne Grund klischeebehaftet. Meine Barbour-Jacken gehören dazu. Aber: Lisbeth und ich ziehen's durch.

Artikel teilen:

Es ist der erste Sonntag im Februar, Wind, fieser Sprühregen. Und doch will ich mir den Sonntagsspaziergang nicht nehmen lassen, zieht es mich hinaus ins trübe Grau. Und da die Temperatur heute schon knapp an der 10-Grad-Marke kratzt, hat sie ihren ersten Auftritt im neuen Jahr: die gute alte Barbour-Jacke. Viel zu lange musste dieser Klassiker britischer Herrenoberbekleidung ein winterliches Dasein im Kleiderschrank fristen. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass mancher die Barbour-Jacke genau dort, im Keller, für am besten aufgehoben hält – fernab allen öffentlichen Lebens.

Keine Frage, dieses Kleidungsstück polarisiert nicht minder als ein beige-karierter Burberry-Schal. Einst als Schutz vor Wind und Wetter für englische Fischer entwickelt, hat die schwere, steife Jacke aus gewachster Baumwolle mit Cordkragen im Laufe der Zeit ein zweifelhafter Ruf ereilt. Als eine Art Uniform karrierefixierter Jura- oder BWL-Studenten, Flaniergarderobe höherer Töchter zu hellblauer Bluse und Perlenohrsteckern haftet ihr spätestens seit den 90er Jahren das Image spießiger Biederkeit und schnöseliger Arroganz an. Zweifellos ist die Jacke in Olivbraun, Dunkelgrün oder Navy-Blau eher in konservativ-traditionsbewussten Kreisen, sei es beim Schüsseltreiben der Jägerschaft oder beim Parteitag der Jungliberalen, anzutreffen als bei Unterschriftensammlern, die für autofreie Sonntage werben.

Und doch gewinnen die klassischen Modelle wie Beaufort oder Bedale, die bis heute im nordostenglischen South Shields gefertigt werden, gerade in den vergangenen Monaten wieder deutlich an Popularität. Grund ist die erfolgreiche Netflix-Produktion „The Crown“. Die spielt im und rund um das britische Königshaus, dessen Mitglieder die Jacken des Traditionslabels bei diversen Outdoor-Aktivitäten schätzen. Und das ist weder Film noch Fiktion, hat Barbour doch seit dem Jahr 1974 offiziell den Status als Hoflieferant inne. Im Nacken eines jeden Modells prangen daher bis heute die royalen Wappen von Queen Elizabeth II., des Prince of Wales (Charles) sowie des Dukes of Edinburgh (Philip). Die Thronjubilarin kombiniert ihre Modelle mit Tweed-Rock und Kopftuch, wenn es auf dem Landsitz Sandringham House heißt: „Lisbeth, heut’ geht’s in die Pilze!“.

„Die Barbour-Jacke gibt Sicherheit. Sie schützt vor Wind und Wetter ebenso wie vor der Gefahr, schlecht angezogen zu sein.“Heiko Bosse

Bei alledem: Eine reine Lobhudelei auf die Barbour-Jacke wäre unangebracht, hat sie doch in all dem Licht auch durchaus Schattenseiten. So eignet sie sich im Grunde ausschließlich für Außentemperaturen zwischen 8 und 18 Grad. Darunter können Sie die Erkältung schon fest einplanen, darüber schwitzen Sie wie die S… usi ihre Schwester – Pardon! Längst gibt es modernere Funktionsstoffe, die deutlich atmungsaktiver sind – leider aber nicht ansatzweise den Stil einer echten Barbour erreichen. Und dass die Jacken nach Wachs riechen – das muss man definitiv mögen. Längst nicht allen gelingt das. Und ja, sie sind, zumindest die Klassiker, äußerst unförmig geschnitten – „in Sack und Asche“ bekommt da eine ganz neue Bedeutung. Dafür aber lässt sich bequem ein Sakko darunter kombinieren.

Kurzum: Die Barbour-Jacke gibt Sicherheit. Sie schützt vor Wind und Wetter ebenso wie vor der Gefahr, schlecht angezogen zu sein. Und so wähle ich an diesem Sonntag meine dunkelgrüne Beaufort und lasse mir dieses Stück Lebensart nicht von den Launen des Zeitgeists madig machen.

Nach den ersten 200 Metern merke ich: Frisch ist’s schon… Ich friere ein wenig – aber: mit Stil.


Zur Person:

  • Heiko Bosse ist Mitglied der Chefredaktion der OM-Medien.
  • Den Autor erreichen Sie per Mail an: redaktion@om-medien.de.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Lisbeth, heut' geht's in die Pilze! - OM online