Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Lieblingsverein – Jetzt!

Kolumne: Notizen vom Nachbarn – Wie war das schön, als es noch richtiges Vereinsleben gab. Doch das sollte gerade jetzt kein Grund sein aus ihnen auszutreten.

Artikel teilen:

Die Samstage hatten früher für uns ein anderes Gesicht, vor über 50 Jahren, fast ein halbes Jahrhundert her. Nachmittags trafen wir uns am "Kasten", da, wo hinter einer Glasscheibe die Spieltermine im Fußball hingen, quetschten uns zu 8 in ein Betreuerauto und kurvten unangeschnallt und ohne besorgte Eltern zum Auswärtsspiel. Alle Geschäfte waren samstags ab 13 Uhr geschlossen. Oma und Opa legten sich aufs Sofa und bereiteten sich auf den Abend vor.

Spätestens nach der Sommerpause schmiss meine Mutter sich am Samstagabend in Schale, das Bad qualmte vor Haarspray und die Ballrobe glänzte. Sängerball, Sportlerball, Jägerball, Kolpingball, Schützenball, Feuerwehrball – der Kalender der großen Vereinsfeste war für meine Eltern immer voll. Opa am anderen Morgen müde, denn irgendwann "hätt sick dat im Bedde draiht", und er zog sich wieder an, marschierte in tiefster Nacht auf die Felder. Mehrere Kilometer durch die Dunkelheit, bis es sich im Kopf nicht mehr drehte. Wir erwarteten am anderen Morgen nach einem sturmfreien Abend schon die große Festball-Ausbeute von unseren Eltern.

Irgendwas schleppten sie von den riesigen Vereinstombolas immer nach Hause. Üppige Präsentkörbe, tote Kaninchen, einmal sogar ein halbes Schwein oder einen tollen Fußball. In der heutigen Zeit ist die Ballsaison selbst auf dem Dorf ausgedünnt, die rauschenden Tanzrunden mit sprudelndem Sekt in der Bar (Opa war immer zu lange drin) sind in der Pandemie sogar komplett gestoppt. Über eine Million Mitglieder sollen die Sportvereine in den letzten 12 Monaten in Deutschland verloren haben.

Alle Vereine fiebern auf den Restart hin

Das Weiterzahlen der Vereinsbeiträge wäre für viele bestimmt günstiger gewesen als die zig auf dem Sofa verschlungenen Chipstüten. In unserer Kreisstadt Vechta organisierte die Bürgerstiftung in den letzten Wochen die spannende Diskussionsrunde "Klubschnacker". In mehreren Folgen sprühten jeweils 3 Vereinsvertreter vor Leidenschaft für ihre Clubs.

"Oma mit ihren 84 Jahren hat jedenfalls schon die Sporttasche gepackt."Antonius Schröer

Stefan Niemeyer von Rasta Vechta möchte beim ersten richtigen Heimspiel am liebsten jeden Fan per Handschlag begrüßen. Berthold Knipper vom Theater für Jedermann spricht sich seine Texte für die kommenden Aufführungen schon jetzt beim Spaziergang durch Vechtas City vor. Und Alexandra Windhaus von den Messdienern verteidigt jede Nacht im Traum den Wimpel des Zeltlagers. Alle weiteren Vereinsvertreter fiebern gleichfalls auf den Wiederbeginn, wollen unbedingt wieder spielen, singen, schießen, organisieren.

Dinge, die meine Brüder in ihren fernen Großstädten schon lange nicht mehr kennen. Keine Feuerwehr-, Sportler- oder Schützenbälle und keine Präsentkörbe, Gewinne oder halbe Schweine am Morgen danach. Stattdessen teure Musikkurse, Sportstudios und weite Wege zu einem Sportverein. Ich glaube fest an einen fulminanten Neustart unserer Vereine von Lutten über Vechta bis Damme.

Oma mit ihren 84 Jahren hat jedenfalls schon die Sporttasche gepackt für den ersten Abend ihrer "Flying Women" und das genüssliche gemeinsame Eis danach. Für den Preis von 5 Tüten Sofachips gibt es in den meisten Vereinen nämlich einen Monatsbeitrag und oft ein rauschendes Vereinsfest gratis.


Zur Person:

  • Der Autor Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser.
  • Der 59-Jährige verkörpert das Vechtaer Original "Straßenfeger" im Karneval.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

Jetzt neu! Moin Friesoythe! Der wöchentliche Newsletter für die Eisenstadt mit aktuellen News und Informationen. So verpassen Sie nichts mehr. Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach. Jetzt hier anmelden.  

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Lieblingsverein – Jetzt! - OM online