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Liebe Oldenburger Münsterländer*innen

Kolumne: Das ganz normale Leben –  Wie gestaltet man seine Freizeit im Corona-Lockdown? Klar, mit Ahnenforschung.

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In der Pandemie hat der Mensch freizeittechnisch nichts zu tun. Alle Grüßonkeltermine entfallen, Läden und Kneipen sind zu und irgendwann ist die große kleine Stadt abspaziert. So begab ich mich vor 8 Wochen auf eine wundersam-virtuelle Reise durch die Ahnenforschung.

Das Thema an sich ist ziemlich barock. Umso erstaunlicher wirkt der hohe Grad der Digitalisierung: Fast alles, was vor 1920 in die Pfarrtagebücher eingetragen wurde, lässt sich heute im Internet recherchieren. Die letzten 100 Jahre unterliegen zwar dem gottgefälligen Datenschutz, aber wer die ersten Zahlen bis zum Großvater parat hat, wundert sich, wie schnell der Rest ergänzt werden kann, wenn man internationale Datenbanken wie MyHeritage oder Ancestry anzapft. Die kosten natürlich Geld. Das tut Netflix aber auch.

„Eine Ur-Ur-Oma wurde gar aus dem Harz ins Saterland verschleppt, das arme Ding“Christian Bitter

Für den harten Nachweis ist selbstverständlich ein gezielter Blick ins jeweilige Kirchenbuch unerlässlich. Da nun meine Ahnen ganz unspektakulär fast ausschließlich aus dem OM beziehungsweise tatsächlich aus Münster und Oldenburg stammen, ist das kein Problem. Die Einträge sind zuweilen schwer lesbar und oft in zittriger Kurrentschrift hingekrakelt worden, aber dafür gibt es Experten, die weiterhelfen – zum Beispiel Peter Sieve vom Offizialatsarchiv, der jede noch so bizarre Buchstabenkette entziffern kann.

So tauchen dann ungeahnte Vorfahren auf: Etwa der Ur-Ur-Ur-Großvater, der auf „Hülkmanns Kotten bei Dincklage“ siedelte, oder die zahlreichen Ahnen aus Lastrup, Suhle, Brokstreek, allesamt ordentliche Zeller, Kötter, Heuerleute, Ackersmänner, Tagelöhner. Ich stieß auf einen Hausmeister aus Münster, der 1897 in Damme Hotelier wurde, einen Zimmermann aus Amelsbüren, einen Fassbinder aus Warendorf und jede Menge Vögte, Adminstratoren und Kaufleute aus Friesoythe und Ramsloh. Zwei Ur-Großväter dienten als Lehrer in Märschendorf, eine Ur-Ur-Oma wurde gar aus dem Harz ins Saterland verschleppt, das arme Ding.

„Wozu ist all das gut?“, fragte mein alter Freund Friedhelm am Telefon. Das weiß ich nun auch nicht, aber es vertreibt die Zeit. Was etwa ist mit dem Vierfach-Ur-Großonkel aus Billerbeck, der in den 1840er-Jahren sein Brot als Schildermacher verdiente, „sein Weib stützte ihn dabei“, wie das Kirchenbuch vermerkte? War das womöglich eine biedermeierliche Werbeagentur? Ich muss nach der Pest da mal hinfahren, die Nase in den Wind halten und eine Zeitmaschine besteigen.


Zur Person

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage.

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