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Landwirtschaft will Wandel mit Innovationen schaffen

Bei der Konferenz der Uni Vechta zur Zukunft der Agrar- und Ernährungsbranche setzten die Experten auf neue Technologien. Dennoch gibt es große Sorgen und Kritik an der Politik.

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Digitalisierung im Stall: Neue Technologien mit Datensätzen sollen helfen, das Tierwohl zu verbessern. Die Agrarbranche steht vor einem enormen Wandel. Foto: dpa / Rehder

Digitalisierung im Stall: Neue Technologien mit Datensätzen sollen helfen, das Tierwohl zu verbessern. Die Agrarbranche steht vor einem enormen Wandel. Foto: dpa / Rehder

Der Druck auf die Agrar- und Ernährungsbranche ist gewaltig. Ein Wandel ist erforderlich. Die Gesellschaft fordert mehr Tierwohl in den Ställen ein. Auch ein konsequenterer Umwelt-, Natur- und Klimaschutz ist das drängende Gebot der Zeit.

Ob und wie die Transformation (Wandel) des Wirtschaftssektors gelingen kann, welche realistischen Perspektiven es gibt, welche Entwicklungen und Ziele unausweichlich sind – damit ist auch die Frage der Wohlstandssicherung für die gesamte Region verbunden. Mit diesem für das Oldenburger Münsterland bedeutenden Themenkomplex befasste sich am Dienstag eine Video-Konferenz. Eingeladen hatte die wissenschaftliche Koordinierungsstelle zur „Transformationsforschung Agrar Niedersachsen“ (Trafo-Agrar), die an der Universität Vechta angesiedelt ist. Der Titel der Tagung mit etwa 130 Online-Teilnehmern: „Zukunft der Agrar- und Ernährungsbranche im Nordwesten – wie geht es weiter?“

Die Leiterin von Trafo-Agrar, Dr. Barbara Grabkowsky, erklärte, dass die Koordinierungsstelle sich als Impulsgeber für den Wandel des Sektors verstehe. Und Projektleiterin Dr. Stefanie Retz stellte heraus: „Landwirtschaft lebt vom Wandel.“ Unter den Vertretern der Branche bestand während der Konferenz Einigkeit hierin: Es sind nicht die Herausforderungen des Wandels hin zu einer nachhaltigen Produktion, die Sorgen bereiten, sondern das Verhalten der Politik. Verzögerungen und mangelnde Planungssicherheit wurden beklagt, während sich die Agrar- und Ernährungswirtschaft bereit zur Transformation zeige und längst aufgebrochen sei – mit Innovationen.

Hoffnung auf neue Technologien – aber auch Hindernisse

Das war auch die Quintessenz des Impulsvortrags von Uwe Bartels, Vorsitzender des Agrar- und Ernährungsforums Oldenburger Münsterland, dem etwa 100 Firmen der Region angehören. Bartels, ehemals Agrarminister von Niedersachsen, sagte: „Ein Blick auf den gegenwärtigen Entwicklungsstand zeigt uns eindrucksvoll, welche Fortschritte die vielen kreativen und innovativen Aktivitäten in den Bereichen Tierwohlstallbau, Düngetechnik, Aufbereitungsverfahren für Gülle und Gärreste, den Einsatz von Sensorik, Robotik unter Verwendung von KI in Tierhaltung und Ackerbau bereits möglich gemacht haben.“

Allerdings: Im Bau- und im Umweltrecht gebe es seit Jahren sich gegenseitig behindernde Regelungen, sagte er mit Blick auf blockierte Stallumbauten, die mehr Tierwohl ermöglichen sollen. „Wichtig ist auch, dass die Politik die Handlungsmöglichkeiten der Akteure der Wertschöpfungskette nicht durch kleinteilige und einengende und verstörende Zielvorgaben stört und behindert“, mahnte Bartels. Als Beispiel nannte er die vom Agrarministerium in Hannover vorgelegte Strategie zur Nutztierhaltung in Niedersachsen.

Das zwölfseitige Strategiepapier hatte für viel Kritik in der hiesigen Agrar- und Ernährungsbranche gesorgt. Als Teil der Strategie ist – klar formuliert – ein Abbau der Tierzahlen im Nordwesten festgehalten. Die Sorge vor einer extremen Schwächung des Wertschöpfungssystems im Oldenburger Münsterland geht um.

Das Thema "gesellschaftliche Akzeptanz"

Der Staatssekretär im niedersächsischen Agrarministerium, Professor Dr. Ludwig Theuvsen, versicherte in der Online-Konferenz: Die Agrar- und Ernährungswirtschaft solle stark bleiben – „auch mit einer starken Nutztierhaltung“. Und: Eine zentrale Strategie sei es, die Transformation durch Innovation zu bewirken. Dies sei im Oldenburger Münsterland immer verfolgt worden. „Am Ende muss es das Ziel sein, die gesellschaftliche Akzeptanz für die moderne Nutztierhaltung zurückzugewinnen“, sagte Theuvsen. Wertschöpfung, stellte er heraus, sei auch an Qualität festzumachen.

Moderatorin Tanja Föhr führte nicht nur durch die Programmpunkte, sondern zeichnete auch live Zukunftsbilder zu einzelnen Redebeiträgen – im wörtlichen Sinne. Sie wandte das Verfahren des „Graphical Recording“ an. Dabei werden Prozesse, Inhalte und Ergebnisse in einer Kombination aus Text und Bildern sichtbar gemacht.

Stefan Teepker (Landwirt und Vorsitzender des Bundesverbandes Bäuerlicher Hähnchenerzeuger) sieht in der Digitalisierung – etwa in Sensoren und Kameras – einen großen Treiber beim Wandel in der Landwirtschaft. Das Tierwohl müsse stetig angepasst werden.

Strukturwandel als Chance?

Sarah Dhem aus Lastrup (Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Fleischwarenindustrie) bezeichnete das Oldenburger Münsterland als „Region der Macher“. Die ganze Wertschöpfungskette der Ernährungswirtschaft sei hier abgebildet, kurze Wege seien ein großer Vorteil, erklärte die Geschäftsführerin ihres Familienbetriebs. Sie geht davon aus, dass die Spezialisierung in der Branche vorangehen werde. Am Ende sei es wichtig, dass es eine „Wertschätzung unserer Produkte“ gebe. Und: Wenn mehr Anforderungen zu erfüllen seien, dann koste das auch mehr Geld.

Professor Dr. Alfons Balmann (Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Tranformationsökonomien in Halle) forderte dazu auf, den Strukturwandel als Chance zu begreifen. Es gehe darum, die Wertschöpfungskette so zu gestalten, dass ein ruinöser Wettbewerb überwunden wird.

Sehr konkrete zehn Thesen zur Zukunft der Landwirtschaft lieferte Werner Schwarz, der Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein. Er nahm logische Ableitung aus aktuellen Entwicklungen vor. So geht Schwarz davon aus, dass es neben den klassischen Familienbetrieben auch Kooperativen (Zusammenschlüsse, Verbünde) und „reine Arbeitgeberbetriebe“ von Investoren geben wird. „Wir stehen vor einem Systembruch“, ist er überzeugt. Er ist sich zudem sicher, dass in der EU nur noch für das exklusive Hochpreissegment produziert wird. „Europa wird sich vom Weltmarkt verabschieden“, sagt er.

Sorge um Wertschöpfungsketten in der Region

Bei der Tagung handelte es sich um den Abschluss der Reihe „Dynamic Agri-Food Systems im Oldenburger Münsterland“, die aus dem regionalen EU-Programm „Leader“ gefördert wurde. In seinem Grußwort zur Online-Tagung sagte der Lohner Bürgermeister Tobias Gerdesmeyer als Vorsitzender der „Lokalen Aktionsgruppe“ (LAG) zum Leader-Programm: Die Landwirtschaft sei das Rückgrat des wirtschaftlichen Erfolges der Region. Er warnte zudem: Ohne die Urproduktion, werde sich „die Wertschöpfungskette über kurz oder lang auflösen“.

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