Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Landwirte lösen Demo vor Lidl-Lager nach 48 Stunden auf

Nach einer Abstimmung entschlossen sich die Bauern, den Protest in Cloppenburg vorerst abzubrechen. Sie wollen die weitere Entwicklung bis zum Freitag abwarten - und notfalls wiederkommen.

Artikel teilen:
Per Handzeichen: Die Landwirte stimmten am Abend über das weitere Vorgehen ab. Foto: Hermes

Per Handzeichen: Die Landwirte stimmten am Abend über das weitere Vorgehen ab. Foto: Hermes

Nach rund 48 Stunden in der Kälte und bei Regen haben die Landwirte am Dienstagabend ihre Demonstration vorerst aufgelöst. Wie berichtet, forderten die Teilnehmer mit der Blockade des Lidl-Zentrallagers in Cloppenburg unter anderem eine höhere Wertschöpfung für die Höfe.

„Wir wollen gar keine Subventionen, wir wollen vernünftig für unsere Produkte bezahlt werden“, erklärte Eugen Hagen aus Barßel, der im Laufe des Nachmittages zum Verhandlungspartner mit dem Unternehmen wurde. Direkt bei ihm meldete sich auch Klaus Gehrig, Leiter der Schwarz-Gruppe und Aufsichtsratschef von Lidl und Kaufland, per Telefon. Zuvor hatten sich unter anderem Bundesagrarministerin Julia Klöckner und Bundestagsabgeordnete Silvia Breher in die Kommunikation eingeschaltet.

Gehrig wurde den Landwirten über Lautsprecher zugeschaltet, am Abend wurde eine von ihm unterschriebene Erklärung verlesen. Er versicherte, „noch in dieser Woche Gespräche mit Politik, Verbänden und Kollegen der anderen Handelsunternehmen zu führen.“ Er wolle sich für eine Verbesserung der Situation der Landwirte stark machen.

Die Firma Lidl gibt inzwischen Getränke an die LKW-Fahrer aus. Fotos: M. NiehuesHermes
Einsatzleiter Walter Sieveke (links) von der Polizeiinspektion CloppenburgVechta.

Diese befürchten hingegen leere Worthülsen und wollen die weitere Entwicklung nun abwarten. Nach einer Abstimmung per Handzeichen entschlossen sie sich jedoch, vorerst abzureisen. „Trotzdem müssen wir stark bleiben. Wir kommen wieder, wenn sich jetzt nichts tut“, sagte Hagen vor der Menge.

Nach 2 Tagen gebe es trotz des Papiers ein Stück weit Ernüchterung, man müsse nun abwarten. „Ich bin aber stolz auf die Landwirte und den Zusammenhalt. Nur so können wir etwas bewegen“, sagte Hagen im Gespräch mit OM online.

Landwirte werfen Lidl-Chef Arroganz vor

Bis Dienstagnachmittag hatte Gehrig die Forderung nach einem Gespräch verstreichen lassen. „Wir stehen hier seit 40 Stunden. Das er sich nicht einmal meldet, zeigt ein nicht auszuhaltendes Maß an Arroganz“, erklärte Stefan Grotjan aus Barßel zu diesem Zeitpunkt. Dennoch hatten die Landwirte nach Verhandlungen mit der Polizei am Mittag die Zufahrt wieder teilweise geöffnet. So konnten zumindest die Lkw-Fahrer wieder auf die Straße, sie verharrten teilweise seit Sonntag und Montag auf dem Parkplatz und mussten weitere Touren streichen.

Die Cloppenburger Beamten rüsteten unterdessen auf. Im Laufe des Vormittages kamen Kräfte der Einsatzbereitschaft Oldenburg sowie schweres Gerät aus Braunschweig dazu. Mittags starteten Lautsprecherdurchsagen: „Wir werten die Zusammenkunft als Versammlung und sie müssen einen Leiter bestimmen.“ Zudem teilte die Polizei mit, dass eine Nötigung seitens der Demonstranten vorliege und man nun Personalien notiere.

„Ich bin froh, dass wir es jetzt friedlich lösen konnten“, erklärte Einsatzleiter Walter Sieveke, der für seine Arbeit Applaus von den Demonstranten erhielt, am Dienstagabend.

Obwohl kein Verein oder Verband hinter der Demonstration steckt, scheinen die Landwirte über Whatsapp gut vernetzt. Immer wieder kamen neue Trecker als Ablöse hinzu, andere nutzten so die Chance für eine Dusche zu Hause. Zudem hatten sie während der Demo für eine gute Infrastruktur gesorgt. Immer wieder reichten Teilnehmer Kaffee und Brötchen herum. Zudem versorgte die Raiffeisen Genossenschaft Emsland-Vechta die Treckerfahrer mit einer Gulaschsuppe zum Mittag. Zwischenzeitlich waren auch Landmaschinenhersteller vor Ort, sie unterstützten ebenfalls mit Essen und Getränken. Derweil versorgte auch Lidl die Lkw-Fahrer.

Das Positionspapier wird übergeben. Foto: HermesDas Positionspapier wird übergeben. Foto: Hermes

Julia Klöckner sucht Gespräch mit Lidl

Der fast 48-stündige Protest rief auch Reaktionen aus der Politik hervor, so schickte Bundesministerin Julia Klöckner eine Videobotschaft: „Ich verstehe euch, die Preise im Handel sind alles andere als wertschätzend. Sie ermöglichen auch keine Wertschöpfung.“

Wichtig sei jedoch, dass Versammlung angemeldet werden. Am Ende müsse man miteinander reden. Klöckner nahm Kontakt zu Gehrig auf, der sich daraufhin bei den Demonstranten meldete. „Parlament und Regierung wollen nicht, dass Landwirte am kürzeren Hebel sitzen und wochenlang auf ihr Geld warten müssen“, so Klöckner. Sie sprach erneut von „unlauteren Handelspraktiken“ seitens der Lebensmittelhändler. Man müsse aber schauen, dass man mit dem Handel im Dialog bleibe.

Auch der CDU-Landtagsabgeordnete Christoph Eilers meldete sich zu Wort: „Das Anliegen der Landwirte ist berechtigt. Erzeuger von Lebensmitteln müssen ihre Familien von der Arbeit ernähren können.“ Politik und Landwirtschaft stünden zwar bereits in einem stetigen Austausch, es gebe aber auch seitens der Politik in vielen Bereich noch keine optimalen Lösungsansätze. Aber: „Der Lebensmitteleinzelhandel darf sich dieser notwendigen Diskussion nicht entziehen, nur zusammen können tragfähige Lösungen erarbeitet werden“, so Eilers weiter.

Verbraucher nicht aus Verantwortung lassen

Darüber hinaus dürfe man den Verbraucher nicht aus seiner Verantwortung entlassen. „Wir alle sollten bei unserem täglichen Kauf- und Konsumverhalten die regionale Landwirtschaft im Blick haben“, appellierte der Abgeordnete.

Auf die Gefahr leerer Regale machte der Verein „Land schafft Verbindung“ in einer Pressemitteilung aufmerksam: „Dinge, wie das selbst gesteckte Klimaziel werden ebenfalls in weite Ferne rücken.“ Eine nachhaltige, klimabewusste Versorgung der Bürger mit Lebensmitteln in Deutschland könne nur mit Landwirten aus Deutschland erreicht werden. Aber auch nur, „wenn diese regional produzieren, einen nachhaltigen Erlös für ihre Produkte bekommen und der Konsument sich zur deutschen Landwirtschaft bekennt.“

Lidl sieht sich auf Nachfrage von OM online als „starker Partner“ der deutschen Landwirtschaft. „Unsere Frischmilch wird fast ausschließlich in Deutschland produziert und verarbeitet. Ähnlich verhält es sich bei unserem Sortiment im Frischgeflügel und -fleisch, welches zu fast hundert Prozent aus Deutschland stammt.“

Pressesprecher Mario Köhler wies darauf hin, dass das Unternehmen „im Sinne eines fairen Miteinanders in der Vergangenheit wiederholt Gesprächsbereitschaft mit den Ansprechpartnern auf der Erzeugerseite signalisiert und sich auch aktiv in solche Gespräche eingebracht“ habe. „Selbstverständlich sind wir auch weiterhin zu diesem Austausch bereit.“

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Landwirte lösen Demo vor Lidl-Lager nach 48 Stunden auf - OM online