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Lammert: Nur der erstrittene Konsens hält Gesellschaft zusammen

Ein Plädoyer für die Streitkultur und die Verständigung auf ein Wertegerüst hat Prof. Norbert Lammert in Stapelfeld gehalten. Auf die Leugner dieses Prozesses ging der Politiker nur indirekt ein.

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Begrüßung zum Akademieabend in Stapelfeld: (von links) Prof. Norbert Lammert, Landrat Johann Wimberg und Dr. Martin Feltes, der Pädagogische Direktor der Akademie Stapelfeld. Foto: Kreke

Begrüßung zum Akademieabend in Stapelfeld: (von links) Prof. Norbert Lammert, Landrat Johann Wimberg und Dr. Martin Feltes, der Pädagogische Direktor der Akademie Stapelfeld. Foto: Kreke

Für eine offene demokratische Streitkultur, die ein Mindestmaß an gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten verabredet, hat Prof. Norbert Lammert geworben. Zu diesem notwendigen Diskurs seien "alle, die in Deutschland leben, eingeladen", sagte der ehemalige Bundestagspräsident am Montagabend in der Katholischen Akademie Stapelfeld. Der Sozialwissenschaftler sprach vor rund 80 Gästen über den "Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält".

"Der Kitt ist brüchig geworden oder es gibt ihn gar nicht mehr", räumte der ehemalige CDU-Politiker ein. Ein Mindestmaß an gemeinsamen Erfahrungen, Orientierungen und Überzeugungen, die immer wieder "neu vermittelt" und "nicht selten fortgeschrieben werden", müsse jedoch immer wieder erstritten und verabredet werden, weil dies die "innere Konsistenz einer Gesellschaft" ausmache, sagte Lammert. Ohne diese Verständigung über ein Werte- und Normengerüst seien auch Regeln und Gesetze "weder zu erklären, noch zu behaupten".

Ein wesentliches Hindernis auf diesem Weg beschrieb Lammert anhand eines Zitats: "Die rationale oder die ethische oder die religiöse Weltformel, auf die sich alle einigen und dann das Ganze tragen könnte, gibt es nicht. Jedenfalls ist sie gegenwärtig unerreichbar." Das sagte Kardinal Joseph Ratzinger im Gespräch mit dem Philosophen und Politikwissenschaftler Jürgen Habermas bei ihrem ersten persönlichen Treffen vor fast 20 Jahren in München. Von der  Auseinandersetzung der beiden "großen Intellektuellen" hätten sich ihre "jeweiligen Fanclubs bis heute nicht richtig erholt", spöttelte der eloquente Lammert. Seine Schlussfolgerung: "Der Kitt, der alle zusammenhält, ist nicht im Handel." Aber: Er kann und muss ständig neu ausgehandelt werden.

"Der Zusammenhalt einer Gesellschaft wird durch Kultur gestiftet oder er findet nicht statt."Prof. Norbert Lammert

Denn zusammengehalten werde jede Gesellschaft "durch die gemeinsamen Erfahrungen, die Menschen miteinander gemacht haben, durch die Einsichten, die daraus entstanden sind, durch die Überzeugungen", die sich daraus begründen ließen. "Nur durch dieses Mindestmaß gibt es einen inneren Zusammenhalt", betonte Lammert. Sein Name für diese Grundübereinstimmung heißt "Kultur". Nicht im Sinne von Museen oder Opernhäusern, sondern als "Common Sense", als Verabredung von Grundsätzen des Zusammenlebens. "Der Zusammenhalt einer Gesellschaft wird durch Kultur gestiftet oder er findet nicht statt", betonte der 72-Jährige.

Lammert: "Jede Kultur ist eine Leitkultur"

Dabei spielt Lammert mit einem Reizwort namens Leitkultur, das er selbst nur als Instrument der Debatte, nicht als Ausschlussbegriff verwendet. "Es ist tollkühn und aberwitzig, die großen Kulturen dieser Welt in eine Rangfolge zu zwingen", unterstrich der Bochumer. Aber: Die eigene Kultur diene als Orientierung und Leitlinie. "Insofern ist jede Kultur eine Leitkultur oder sie nimmt sich nicht selbst ernst", sagte er.

Das ist für Lammert keine Einschränkung, sondern eine Grundvoraussetzung für eine offene und liberale Gesellschaft. "Ohne ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten erträgt eine Gesellschaft Vielfalt nicht", unterstrich er. Erst auf dieser garantierten Basis könnten sich Menschen frei verwirklichen. In dem demokratischen Prozess könnten Rechtsnormen weiterentwickelt und neue definiert werden. Als Beispiel nannte Lammert die Rolle der Frau und die Anpassung der Gesetze an ihre Rechte.

Lammert wäre kein Christdemokrat, würde er nicht den christlichen Wertekanon als wesentlich für den Prozess der gesellschaftlichen Einigung voraussetzen. "Der Glaube und die Vernunft sind die großen Kulturen des Westens", formulierte er. Dabei lehnt er sich erneut an Ratzinger und Habermas an, in deren Auseinandersetzung er die Lösung zu finden glaubt. 

"Zweifel sind nicht nur erlaubt, sondern unverzichtbares Merkmal dieser Zivilisation."Prof. Norbert Lammert

Sein Credo: "Die notwendige Relativierung von Glaubenssätzen durch Vernunft und die ebenso notwendige Relativierung von schierer Rationalität durch religiöse Grundüberzeugungen machen die westliche Zivilisation aus." Beide Pole müssten in Verbindung gebracht werden, was Kritik einschließt, denn: "Zweifel sind nicht nur erlaubt, sondern unverzichtbares Merkmal dieser Zivilisation. Seit der Aufklärung steht hinter jeder Behauptung nicht mehr ein Punkt, sondern ein Fragezeichen."

Auf Leugner und Gegner jedes gesellschaftlichen Konsens' ging Lammert nicht direkt ein. Aber klar wurde: Wer Grundlagen des Zusammenlebens, wie Solidarität, Respekt vor (andersartigen oder andersdenkenden) Menschen und geltende Rechtsnormen, missachtet, um sich zum Maß der Gesellschaft zu machen, stellt sich außerhalb dieses Diskurses.

Eigene Erfahrungen mit Hassreden und schriftlichen Drohungen von Gegnern der Schutzauflagen vor Corona schilderte Landrat Johann Wimberg. Dennoch setzt er weiter auf Transparenz und Überzeugungsarbeit. Für die Akademie bedankten sich der pädagogische Direktor Dr. Martin Feltes und der geistliche Direktor Dr. Marc Röbel bei den Rednern des Akademieabends.

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