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"Kuddelmuddel" im Rathaus verzögert Neubau der Tafel

Das Geld liegt auf der "hohen Kante", doch der Bauplatz fehlt nach wie vor: Die Stadt will ein Gelände lediglich für 20 Jahre in Erbpacht vergeben – viel zu kurz für jede tragfähige Finanzierung.

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Überquellende Lebensmittelspenden: Die Tafel ist ans Ende ihrer Kühlkapazitäten gekommen, ein Neubau dringend notwendig. Foto: Kreke

Überquellende Lebensmittelspenden: Die Tafel ist ans Ende ihrer Kühlkapazitäten gekommen, ein Neubau dringend notwendig. Foto: Kreke

Mit einem Neubau an der Jümmestraße will die Cloppenburger Tafel ihre Raumnot ein für allemal beenden. 2 Erbschaften und ein Bankkredit stünden bereit. Doch auf der drängenden Suche nach dem passenden Gelände ist "Sand ins Getriebe" geraten. Statt des Verkaufs eines Bauplatzes an den Verein hat der Rat der Stadt lediglich ein Erbpachtangebot unterbreitet, das aus Sicht der Tafel einen Neubau praktisch unmöglich macht.

Der Frust im Vorstand ist groß. Denn nach Angaben des Vorsitzenden Elmar Dubber wusste der Rat nichts von der Kaufabsicht, obwohl die Tafel dies schriftlich beantragt hat. Lediglich als Alternative und zweitbeste Lösung war darin auch von Erbpacht die Rede. Doch nur diese Möglichkeit habe die Verwaltung dem Rat vorgelegt, beklagte Dubber in einem Gespräch mit der Redaktion und dem CDU-Bürgermeisterkandidaten Neidhard Varnhorn.

Vom "Pferdefuß" seines gut gemeinten Beschlusses ahnte der Rat am 31. Mai anscheinend nichts. Zwar wollen die Politiker dem Verein finanziell entgegenkommen und rund 100.000 Euro Erschließungskosten für das Grundstück aus der Stadtkasse finanzieren. Aber den Erbbau-Pachtvertrag will die Verwaltung nur für  20 Jahre abschließen. Üblich sind sonst 99 Jahre und damit eine langfristige Sicherheit für den Kreditgeber. Deshalb hatte die Hausbank der Tafel schon im Vorfeld  abgewunken und zum Kauf geraten.  

Krisengespräch an der Kiste: Elmar Dubber (rechts) und Robert Berges (MItte) erklären Neidhard Varnhorn, warum die Tafel dringend einen Bauplatz benötigt. Foto: KrekeKrisengespräch an der Kiste: Elmar Dubber (rechts) und Robert Berges (MItte) erklären Neidhard Varnhorn, warum die Tafel dringend einen Bauplatz benötigt. Foto: Kreke

Verwaltung gab in Verhandlungen falsche Auskunft

Dubber untermauerte seine Empörung über das Durcheinander mit einem Schriftwechsel, der auf eine "Betriebsstörung" in der Kommunikation zwischen Tafel, Verwaltung und Rat hindeutet. Das "Kuddelmuddel" im Rathaus begann demnach schon im allerersten Gespräch mit der Verwaltung und dem Bürgermeister am 24. Februar.

"Wir haben 3-mal nachgefragt, ob das Grundstück auch erschlossen ist", erinnert sich Vorstandsmitglied Maria Heier: "Und 3-mal wurde das bestätigt." Erst hinterher fiel der Verwaltung auf: Das war falsch. In einem Schreiben vom 17. März listete die Stadt nun doch Kosten von rund 100.000 Euro auf – vom fehlenden Fußweg bis zur Straßenbeleuchtung.

Verwaltung trug Politikern nur den halben Antrag vor

Der erschrockene Dubber griff nach eigenen Angaben zum Telefon und sprach mit dem Bürgermeister, dem Schirmherrn des gemeinnützigen Vereins. Das Ergebnis: Die Tafel stellte am 27. März einen neuen Antrag, in dem klipp und klar die kostenfreie Überlassung eines voll erschlossenen Grundstücks von 2000 Quadratmetern an erster Stelle steht. Doch schon im vertraulich tagenden Verwaltungsausschuss, der die Ratsbeschlüsse vorbereitet, sei dieser Wunsch gar nicht erst vorgetragen worden, erfuhr Dubber hinterher.

Die Folge: Die seit über 1 Jahr andauernde Suche nach einem größeren Quartier verzögert sich weiter. Der Vermieter des Gebäudes hat um den Umzug gebeten, weil er ein neues Wohnhaus auf der Parzelle an der Kirchhofstraße bauen will. Die Tafel selbst ist dringend auf den Neubau angewiesen, weil ihre Kühlkapazitäten in der kleinen, ehemaligen Schlachterei völlig überlastet sind.

"Wir werden quasi mit Lebensmittelspenden überschüttet."Elmar Dubber, Vorsitzender der Cloppenburger Tafel

"Wir werden quasi mit Lebensmittelspenden überschüttet", berichtet der Vorsitzende. Die Fleisch- und Gemüseproduzenten der Region, aber auch Bäckereien und Eierhändler verlassen sich bei Überschüssen oder falsch deklarierter Ware auf den gemeinnützigen Verein. "Wir sind in einer eigentlich glücklichen Lage", sagt Dubber, aber: "Es ist schwer, den Überschuss zu verwalten." Damit Wurst oder Gemüse nicht doch im Müll landen, beliefert die Tafel längst regelmäßig Partnerorganisationen bis nach Bremen. In der vergangenen Woche lehnte die Bremer Tafel zum ersten Mal eine Lieferung von 700 Kilo Aufschnitt ab, weil sie selbst an Grenzen stößt. "Das haben wir noch nie erlebt", sagt der Vorsitzende.

Rathaus weist Tafel alle Verantwortung zu

Wie es weitergeht, ist unklar. Die Verwaltung hat jede Verantwortung für das Missverständnis und die Verzögerungen von sich gewiesen. In einer E-Mail vom 29. Juni betont Wigbert Grotjan, der Allgemeine Vertreter des Bürgermeisters, die Tafel habe nie zu erkennen gegeben, dass sie keine Überlassung des Grundstücks per Erbbaurecht wünsche. "Zu keinem Zeitpunkt" seien zudem Gründe genannt worden, warum "nur ein Erwerb" der Baufläche infrage komme, schreibt Grotjan.

Einen Verkauf an den gemeinnützigen Verein lehnt die Verwaltung ab, weil es sich um kein Unternehmen handelt. Gewerbeflächen  würden zu "unternehmerischen Zwecken" veräußert, um Arbeitsplätze zu sichern und den Wirtschaftsstandort zu stärken, erklärte Grotjan. Dabei ist das fragliche Grundstück jedoch kaum an einen Betrieb zu  vermarkten, weil eine Hochspannungsleitung die Bauhöhe und den täglichen Aufenthalt in einem Gebäude begrenzt. Die Tafel käme mit diesen Einschränkungen zurecht. Dennoch argumentiert die Verwaltung: Der Verein mit seiner "wichtigen und sozial ausgerichteten Arbeit" stütze sich auf freiwillige, ehrenamtliche Mitarbeiter/innen. "Gerade deshalb" sei das Erbbaurecht dem Verkauf vorzuziehen.

"Die Stadt müsste doch ein tiefes eigenes Interesse daran haben, die kostenlose soziale Arbeit zu unterstützen."Dr. Robert Berges sen., Gründer der Tafel

Der Gründer der Tafel, Dr. Robert Berges senior, kann das nicht nachvollziehen. "Die Stadt müsste doch ein tiefes eigenes Interesse daran haben, die kostenlose soziale Arbeit zu unterstützen", sagte er, statt den über 100 Helferinnen und Helfern Steine in den Weg zu legen. Die Tafel habe in 15 Jahren ihres Bestehens "nicht einen Euro Zuschüsse" beantragt, betonte er, aber Tausenden von Menschen, auch aus dem Umland, das Leben mit wenig Einkommen erleichtert.

Schnellste Lösung: Erbbauvertrag deutlich verlängern

Seinen Protest an die  Stadtverwaltung hat der Vorstand schon formuliert. Neidhard Varnhorn riet davon ab, sich weiter schriftlich zu streiten: Das verhärte die Fronten nur, meinte er. Besser sei es, trotz aller Enttäuschung erneut das Gespräch zu suchen, denn zu einer  Lösung fehle nur ein kleiner Schritt. Die wahrscheinlich schnellste Variante wäre, den angebotenen Erbbau-Pachtvertrag auf 99 Jahre zu verlängern. Warum die Verwaltung nur 20 Jahre angeboten hat, ist bisher ihr Geheimnis geblieben.

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