Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Kreuzweg-Andacht 2022

Kolumne: Auf ein Wort – Warum Sendungen zum Krieg in der Ukraine für mich zu Kreuzweg-Andachten in der Fastenzeit 2022 wurden.

Artikel teilen:

Im katholischen Südoldenburg kennt man sie (noch!): Kreuzweg-Andachten, die in der vorösterlichen Zeit in den Kirchen gehalten werden. Betend betrachten die Gläubigen einzelne Stationen des Kreuzweges Jesu.

Ich bin Ihnen nicht böse, wenn Sie die folgenden Assoziationen etwas „strange“ finden. Aber sie sind mir in den letzten Wochen hin und wieder gekommen.

Wenn ich nach „Tagesschau“ und „Brennpunkt“ das Fernsehgerät ausgeschaltet habe, dann fühlte ich mich manchmal wie ein Jünger Jesu, der hilflos und zutiefst niedergeschlagen am Straßenrand dem Kreuzweg seines Meisters zugeschaut hat. Sendungen zum Krieg in der Ukraine wurden für mich zu Kreuzweg-Andachten in der Fastenzeit 2022.

Eine dieser Andachten war beispielsweise die TV-Talk-Runde bei Anne Will am Sonntagabend. Die emotional vorgebrachten flehentlichen Hilfs-Appelle von Marieluise Beck, die sich vor Ort in der Ukraine selbst ein Bild vom schrecklichen Elend gemacht hatte, sie standen im Kontrast zu den eher zögerlichen, rational-abwägenden und parteipolitisch gefärbten Argumenten der Politiker aus Regierung und Opposition. Da blitzte nicht einmal für einen Moment ein Konzept auf, das wirklich Hoffnung machte. Mit den Bildern von Zerstörung, Leid und Tod im Kopf blieb man am Ende der Sendung deprimiert zurück.

"Ich denke an die, die damals in Jerusalem am Rand des Kreuzweges standen und Solidarität mit dem Verurteilten gezeigt haben." Karl Gierse

Auf der Bettkante kamen mir die Vergleiche zum Kreuzweg Jesu wieder einmal in den Sinn. Da wird die Ukraine vom übermächtigen Nachbarn zum Tode verurteilt. Das überfallene Land nimmt das drückende Kreuz des Krieges auf die Schulter und versucht es nach besten Kräften zu tragen. Aber unter der Last der militärischen Übermacht des Aggressors und der Brutalität seiner Panzer, Raketen und Soldaten bricht es unter dem Kreuz zusammen.

Ich denke an die, die damals in Jerusalem am Rand des Kreuzweges standen und Solidarität mit dem Verurteilten gezeigt haben: Veronika beispielsweise, die Jesus mit ihrem Schweißtuch Erleichterung verschafft hat. Und Simon von Cyrene, der Jesus sogar beim Tragen des Kreuzes geholfen hat, wenn auch zunächst widerwillig. Sie stehen für mich stellvertretend für die Solidarität, welche die demokratische Welt mit der Ukraine zeigt.

Solidarität Einzelner hat damals nicht geholfen

Aber die Solidarität Einzelner hat damals nicht geholfen. Sie hat die Hinrichtung Jesu nicht verhindert. Er musste den Kreuzweg bis zum bitteren Ende gehen und am Kreuz sterben.

Ist das auch das Schicksal der Ukraine? Wird sie ans Kreuz des Krieges genagelt und untergehen? Fragen, die mich am Sonntagabend lange nicht einschlafen ließen.

Für mich sind das Kreuzweg-Betrachtungen in der Passionszeit des Jahres 2022. Ein wenig Trost in meiner Niedergeschlagenheit finde ich in dem Wissen, dass auf jeden Karfreitag ein Ostermorgen folgt.


Zur Person:

  • Karl Gierse ist Subprior des Vechtaer Dominikanerkonventes.
  • Er wirkt in verschiedenen Bereichen der Seelsorge in Vechta und im Oldenburger Land.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Kreuzweg-Andacht 2022 - OM online