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Kreißsaalschließungen und Ärztemangel: Den Kinder- und Jugendärzten im Landkreis Cloppenburg reicht's

Die Cloppenburger Kinderärztin Dr. Beate Poggemann und Kollegen haben einen Weckruf initiiert. Die örtliche Politik soll sich engagieren, um die wohnortnahen Entbindungsmöglichkeiten zu erhalten.

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Der Kreißsaal im St. Josefs-Hospital wird nicht geschlossen: Solchen Gerüchten tritt die Verwaltungsleitung entgegen. Foto: Kühn

Der Kreißsaal im St. Josefs-Hospital wird nicht geschlossen: Solchen Gerüchten tritt die Verwaltungsleitung entgegen. Foto: Kühn

Mit einer Unterschriftenaktion wollen die in einem Qualitätszirkel organisierten Kinder- und Jugendärzte im Oldenburger Land die Schließung der Geburtshilfe im St.-Josefs-Hospital verhindern. Derzeit verbreitet sich in den sozialen Medien rasant der Aufruf der Cloppenburger Kinderärztin Dr. Beate Poggemann, der sich an die „Eltern und werdenden Eltern“ in der Region richtet.

Die Ärzte möchten „nicht tatenlos zusehen, dass in der Zukunft im Cloppenburger Krankenhaus gegebenenfalls keine Entbindungsmöglichkeit mehr existieren würde“. Der Aufruf ist mit der Bitte verbunden, eine Unterschriftenliste zu unterzeichnen. Werdende Mütter und ihre Kinder aus den umliegenden Gemeinden „müssen auch im Notfall weiterhin optimal und schnell ärztlich versorgt werden“, fordern Poggemann und ihre Kollegen, darunter maßgeblich auch Dr. Sebastian Pfahl aus Garrel. Der Aufruf wird auch von Kinderärzten aus dem Nordkreis getragen, die sich zudem gegen die Schließung der Geburtshilfe in Friesoythe wenden.

Der Kreißsaal in Cloppenburg bleibt der einzige im Landkreis Cloppenburg, der ab dem 31. Oktober noch arbeitet. Das St. Marien-Krankenhaus in Friesoythe wird die stationäre Geburtshilfe an diesem Tag endgültig schließen (OM Online berichtete). Begründung: Es sei nicht mehr möglich, qualifizierte Fachkräfte zu finden und für Friesoythe zu gewinnen.

Gerüchten, dass nun auch der Kreißsaal in Cloppenburg schließt, weist der Verwaltungsleiter des St.-Josefs-Hospitals, Andreas Krone, zurück. „Das erklärte Ziel ist es, einen Betrieb des Kreißsaals 24 Stunden am Tag zu gewährleisten.“ Zuletzt wurde der Kreißsaal wegen Personalmangels mehrfach kurzzeitig geschlossen, bestätigt er. Dieser sei in den vergangenen 3 Monaten an 4 Terminen abgemeldet gewesen. Die Schließungen dauerten von einer Nacht bis zu einem Wochenende. „Die letzte Schließung betraf die Nacht am letzten Freitag. Seit Samstag ist der Kreißsaal wieder normal in Betrieb“, so Krone.

Schließung der Abteilung Geburtshilfe in Cloppenburg ist nicht geplant

Der Fachkräftemangel, so Krone auf Nachfrage von OM Online, wirke sich auch bei den Hebammen aus. „Wir konnten zwar unbesetzte Stellen zum Teil durch Honorarkräfte kompensieren, aber die Lücken nicht immer vollständig auffangen. In dieser angespannten Situation können kurzfristige Krankheitsausfälle dann zu diesen bedauerlichen Schließungen führen. Diese Entwicklung deutet aber nicht auf eine Schließung der Abteilung hin.“

Bereits im Juli war der Kreißsaal des Hospitals mehrfach kurzzeitig „wegen Personalmangels“ geschlossen worden, erklärte seinerzeit Dr. Armin Rütten, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe auf Nachfrage von OM Online. Der Mangel an Hebammen, den Rütten auch zugab, machte es erforderlich, dass Patientinnen, die kurz vor einer Entbindung standen, wegen des Engpasses ausweichen mussten, so zum Beispiel in Krankenhäuser in Vechta oder Oldenburg. Im Jahr 2020 kamen im Cloppenburger Hospital 687 Babys zur Welt, im laufenden Jahr bislang fast 500.

Hat gemeinsam mit Kollegen einen Weckruf“ gestartet: Dr. Beate Poggemann. Foto: KühnHat gemeinsam mit Kollegen einen „Weckruf“ gestartet: Dr. Beate Poggemann. Foto: Kühn

In der Geburtshilfe des Krankenhauses war zuletzt eine Hebamme in Rente gegangen, die verbliebene Hebamme erkrankt, weiß Poggemann. Sie deutet an, dass die jetzige schlechte Personallage in Cloppenburg auch hausgemacht ist. Wenn das Krankenhaus und dessen Dachorganisation, die Schwester-Euthymia-Stiftung, jetzt darauf verweisen, dass man darauf abziele, neue Fachkräfte unter den Absolventen des gerade eingeführten, über 7 Semester laufenden Studienganges Hebammenwissenschaft für die Region zu gewinnen, dann helfe das in der augenblicklichen Lage nicht weiter: „Diese Hebammen haben gerade mit dem Studium begonnen, stehen erst in rund 3 Jahren zur Verfügung.“


Der Podcast zum Thema: Droht dem Oldenburger Münsterland ein Ärztemangel? 


Ein weiteres Indiz dafür, dass die Geburtshilfestation in Cloppenburg beim Träger ihrer Ansicht nach eher ungeliebt ist, sei zudem die pflegerische Situation: „Auf den Stationen gibt es nur noch eine ausgebildete Kinderkrankenschwester" pro Schicht.

Dass wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen könnten, bestätigt Krone. Er sieht nicht nur den Fachkräftemangel „als eine große Herausforderung“, sondern auch die „geringe Vergütung der geburtshilflichen Leistungen“.

Auch die Kinder- und Jugendärzte arbeiten inzwischen im Grenzbereich

Poggemann und Kollegen sehen ihren Aufruf vor allem als politischen Weckruf. Schon die kinderärztliche Versorgung sei derzeit in Cloppenburg „katastrophal“. Angesichts der Tatsache, dass 4 Kinderärzte vor Ort fehlen, arbeiteten sie und ihre Kollegen im Grenzbereich: „Zeit ist Luxus“. Die Ärztin blickt schon jetzt mit Sorge auf die Zeit, in der die Corona-Impfungen in den Zentren eingestellt, und eine mögliche Impfung der Kinder und Jugendlichen auf die Ärzte vor Ort verlagert wird. „Die örtliche Politik, der Cloppenburger Bürgermeister, der Landrat, auch die Landes- und Bundestagsabgeordneten müssen endlich was tun“, erklärt Poggemann. Diese Forderung beschränkt sie nicht auf die stationäre Geburtshilfe, also auf den Erhalt wohnortnaher Entbindungsmöglichkeiten, sondern will „ganz dringend“ eine wirksame politische Debatte über die gesamte Situation im Landkreis.  „Falls nichts geschieht, bekommen nicht nur wir Ärzte, sondern vor allem die Eltern große Probleme.“

Die Kinder- und Jugendärzte haben inzwischen Einladungen zum Gespräch über die Situation an „die Geschäftsleitung des Krankenhauses, den Cloppenburger Bürgermeister sowie den Landrat“ ausgesprochen.

Kommunen können Fachkräftemangel im medizinischen Bereich nicht selbst beheben

Am 1. November tritt Cloppenburgs frisch gewählter Bürgermeister Neidhard Varnhorn sein Amt an. Er hat das Angebot erhalten und bereits Terminvorschläge für ein Gespräch übersandt. „Dass wir eine Geburtshilfe vor Ort brauchen, gerade vor dem Hintergrund der Schließung in Friesoythe, steht außer Frage.“ Dennoch „können wir keine Wunder bewirken“, sagt der CDU-Politiker mit Blick auf den Fachkräftemangel im medizinischen Bereich.

Als Kommune habe man kaum Möglichkeiten, den Fachkräftemangel zu beheben, so Varnhorn weiter. Gerade mit Blick auf den Hebammenberuf, der „durch unbezahlbare, hohe Versicherungsprämien“ nicht mehr attraktiv sei, sieht er politische Ursachen für den Mangel gesetzt. Dort müsse man auch ansetzen. Die Stadt selbst könne und werde an den „weichen Faktoren“ arbeiten, um für den Standort Cloppenburg zu werben. In der gesamten Diskussion um Ärzteniederlassungen, die die Region in den nächsten Jahren auch im Hausarztbereich treffen werden, sei allerdings immer die Kassenärztliche Vereinigung in der Pflicht. Diese hätte den Auftrag, die ärztliche Versorgung sicherzustellen. Aus dieser Pflicht sei die Vereinigung keineswegs entlassen.

Bei Landrat Johann Wimberg (CDU) ist zwar noch keine Einladung eingegangen, er steht einem Gespräch aber sehr offen gegenüber. Er sehe „mit großer Sorge“ die zunehmenden Schwierigkeiten der Kliniken bei der Gewinnung von Fachkräften in der Geburtshilfe. Dies sei aber ein flächendeckendes Problem in Deutschland. Es gebe bereits „Landkreise in denen es keine Geburtshilfe mehr in den Krankenhäusern gibt“. Den Mangel an Fachkräften könnten die Kommunen nicht beheben, aber der Kreis unterstütze und begrüße „alle Anstrengungen die sowohl die Geburtshilfe als auch die kinderärztliche und ärztliche Versorgung sichern“.

Landkreis Cloppenburg versucht über Zuschüsse und Förderungen Mediziner zu gewinnen

Wimberg verweist darauf, dass der Landkreis sich im Rahmen der Gesundheitsregion Cloppenburg auf unterschiedlichen Ebenen selbst engagiert. Am vergangenen Wochenende, so heißt es von Wimberg, habe er sich mit Medizinstudierenden aus der Region in der Akademie Stapelfeld getroffen und ihnen den Landkreis Cloppenburg vorgestellt. An dieser Veranstaltung hätten auch die Vertreter der 3 Krankenhäuser aus Cloppenburg, Friesoythe und Löningen sowie der niedergelassenen Ärzte teilgenommen.

Mit eigenen Stipendienprogrammen, den Investitionszuschüssen für die drei Krankenhäuser oder auch Geldern bei  der Niederlassung von Ärzten fördere der Kreis den gesamten Gesundheitssektor finanziell.

  • Info: Der Aufruf der Kinder- und Jugendärzte kann von allen Interessierten unterstützt werden. Eine Unterschrift kann per Mail bis einschließlich 1. Oktober an praxis@poggemann.net oder per Fax an die Nummer 04471/957400 übergeben werden. In den Praxen der Kinder- und Jugendärzte liegen Unterschriftenlisten aus.

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