Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

(Kreisel)-Kunst ist Geschmackssache

Kolumne: Gästebuch – Kreisel sind im Straßenverkehr durchaus sinnvoll. Bei manch sogenanntem Kunstwerk, das einen solchen ziert, ist das fraglich.

Artikel teilen:

Ein Kreisverkehr, auch Kreisel oder Rondell genannt, ist ein Knotenpunkt im Straßenverkehr. Er besteht aus der Kreisfahrbahn und einer Mittelinsel. Die ersten Kreisverkehre gab es bereits am Ende des 19. Jahrhunderts. Dann später 1904 in New York am Columbus Circle und 1907 in Paris rund um den Arc de Triomphe.

Im Kreis Cloppenburg schworen die Automobilisten auf die Ampel. Klare Regel, klare Grenzen: Bei Grün fahren, bei Rot halten, bei Gelb überlegen. Gelb ist die kürzeste Phase. Alles klar: Kreisverkehr hat ja auch was von Anarchie, von selbstständiger Entscheidung, von aufgeklärtem Autofahrer. Doch seit der Jahrtausendwende ist der Kreisverkehr auch im Oldenburger Münsterland angekommen.

Immer mehr Kreisel werden aus dem Boden gestampft. Die Verkehrsregeln haben sich angepasst. Um die Einfahrgeschwindigkeit zu reduzieren, werden oft in der Mitte künstliche Hügel oder Skulpturen aufgebaut, die eine Sicht auf die andere Seite des Kreisverkehres erschweren. In Frankreich werden Kreisverkehre oft gärtnerisch gestaltet. Kunst auf der Kreisinsel wird auch als Kreiselkunst bezeichnet, was naheliegt.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Doch nicht jedes Kunstwerk passt in jeden Kreisel. Oft wären Gärten die bessere Alternative gewesen. Den Vogel abgeschossen hat die Gemeinde Lastrup mit ihrem Künstler Gockel. Der bezeichnet sich selbst als Jünger von Joseph Beuys. Sie wissen schon, der Mann mit Filzhut, Jeans und Anglerweste. Mit ihm trat eine radikale Veränderung der Kunst ein. Jeder kann sich seither als Künstler betrachten. Deswegen ja auch die immer wieder gern gestellte Frage: Ist das Kunst oder kann das weg.

Mit Fett hatte Beuys es ja. In einer Ecke seines Ateliers in der Düsseldorfer Kunstakademie hatte er ca. 2 Meter unterhalb der Decke 5 Kilogramm Butter angebracht. Anlass der Installation war der für den darauffolgenden Tag vorgesehene Besuch des Bevollmächtigten des Dalai Lama in Europa. 4 Jahre lang diente die Plastik dort als ständiges Demonstrationsobjekt. Dann, eines Morgens, entfernte der Hausmeister nichtsahnend die Fettecke und entsorgte sie in einem großen Abfalleimer der Kunstakademie.

Es war der zweite Fall, in dem ein Kunstwerk von Beuys nicht als solches erkannt und zerstört wurde. Der Künstler hatte eine mit Heftpflaster und Mullbinden versehene Badewanne zum Kunstobjekt erklärt. An einem kühlen regnerischen Novemberabend im Jahre 1973 hatte der SPD-Ortsverein Leverkusen zu einem geselligen Abend eingeladen. Die Genossinnen und Genossen reinigten die Badewanne und verwendeten sie zum Gläserspülen. Ja, so sind die Genossen Kulturbanausen.

"Das soll nun ein Wahrzeichen sein. Knapp 3 Tonnen rostig erscheinender Stahl."Otto Höffmann

Doch zurück zu Beuys-Schüler Gockel. Im Kreisel Lastrups, im Herzen des jahrtausendealten Dorfs, hat er sich verewigt, der Künstler, der von sich sagt, dass er mit dem Knie denkt. Ein wahrliches Monstrum aus Stahl. Das soll nun ein Wahrzeichen sein. Knapp 3 Tonnen rostig erscheinender Stahl. 5 Meter Durchmesser, ein Riesenrad inmitten von Edeka, Lidl und gs Markt. Im Riesenrad ein Ross. Das erinnere an den Reitsport in Lastrup, hilft der Bürgermeister dem Kunstbetrachter auf die Sprünge.

Dazu zwei Menschen. Sie verkörpern die Lastruper Vorzeigefamilie. Und eine Frau mit einem Weizenhalm mimt die Bäuerin schlechthin und ein Zahnrad weist auf den Maschinenbau hin. Aha. Das muss man erst einmal hinbekommen. Eine symbolträchtige Skulptur, freut sich der Bürgermeister. Auf jeden Fall eine einmalige Kreiselkunst im Oldenburger Münsterland. Größer geht's kaum.

Die Autofahrer könnten ja bei jeder Umrundung das Kunstwerk von allen Seiten betrachten und darüber sinnieren, dass der Riesenring den Zusammenhalt und die Gemeinschaft von Lastrup dokumentieren solle. Bleibt nur zu hoffen, dass die Autofahrer in Lastrup aufmerksamer fahren als der Autofahrer in Lindern, der kürzlich dort mitten durch den Kreisverkehr donnerte und alles mitriss, was ihm in die Quere kam.

Freie Fahrt dem Kunstsinnigen

Wäre ihm das in Lastrup passiert, wäre er spätestens in der Ähre oder dem Zahnrad hängengeblieben. Mag ja Kunst sein, aber doch lieber weg, würde er wohl schimpfen und nachdenken, warum die Auffahrt zur Gockel-Skulptur durch keine Abgrenzung oder Umrandung geschützt ist. Freie Fahrt dem Kunstsinnigen also. Kunst ist Geschmackssache, sagt man ja. Hier wäre wohl weniger mehr gewesen.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

(Kreisel)-Kunst ist Geschmackssache - OM online